
Wer in der Halbleiter-, Glas- oder Holzschutzmittel-Industrie mit Arsen oder Arsenverbindungen arbeitet, unterliegt der arbeitsmedizinischen Pflichtvorsorge nach ArbMedVV in Verbindung mit TRGS 910 — anorganisches Arsen ist krebserzeugend Kategorie 1A. Nach Ende der Tätigkeit besteht Anspruch auf nachgehende Vorsorge über das DGUV-Meldeportal. Die Arsen-Vorsorge umfasst Beratung, körperliche Untersuchung und Biomonitoring im Urin (Σ Arsen(+III), Arsen(+V) und Monomethylarsonsäure).
Die Arsen-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die bei ihrer Tätigkeit gegenüber Arsen und Arsenverbindungen exponiert sein können. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E ARS geregelt (Fassung Januar 2022, Grenzwerte 2024) und in die ArbMedVV-Systematik aus Pflicht-, Angebots-, Wunsch- und nachgehender Vorsorge eingebettet.
Arsen ist ein Halbmetall in den Wertigkeitsstufen +3, +5 und −3. Anorganische Arsenverbindungen — insbesondere Arsentrioxid, Arsenpentaoxid, Arsensäure und ihre Salze — sind nach TRGS 905 als krebserzeugend Kategorie 1A eingestuft; Galliumarsenid (Halbleiterfertigung) als Kategorie 1B. Die meisten Arsenverbindungen sind zudem hautresorptiv.
Anorganisches Arsen wird im Körper über Monomethylarsonsäure zu Dimethylarsinsäure methyliert und mit dem Urin ausgeschieden. Halbwertszeit: etwa zwei Tage — daher müssen Probennahme und Fischkarenz präzise geplant werden. Das macht die Arsen-Vorsorge zu einer der biomonitoring-intensivsten Vorsorgen im DGUV-Katalog.
Die Arsen-Vorsorge ist in der ArbMedVV geregelt — konkret in Anhang Teil 1 Nr. 1 (Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Gefahrstoffen) sowie in Verbindung mit § 11 GefStoffV für krebserzeugende Stoffe der Kategorie 1A/1B.
| Rechtsgrundlage | Inhalt / Relevanz |
|---|---|
| ArbMedVV | Pflicht-/Angebotsvorsorge bei Gefahrstoffen, Anh. Teil 1 |
| GefStoffV | Schutzmaßnahmen bei CMR-Stoffen Kat. 1A/1B |
| TRGS 900 | AGW für Arsenwasserstoff: 0,005 ppm (0,016 mg/m³) |
| TRGS 910 | Akzeptanzkonz. 0,83 µg/m³, Toleranzkonz. 8,3 µg/m³ (einatembare Fraktion) |
| TRGS 903 | BAR-Werte für Arsen-Spezies im Urin |
| TRGS 905 | Verzeichnis krebserzeugender Stoffe — Arsen Carc. 1A |
| TRGS 410 | Expositionsverzeichnis bei CMR-Stoffen |
| BKV | BK 1108 „Erkrankungen durch Arsen oder seine Verbindungen“ |
Wichtig: Bei Tätigkeiten mit Bleiarsenat oder Bleihydrogenarsenat ist zusätzlich die DGUV Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“ heranzuziehen — wegen der zusätzlichen Bleitoxizität.
Pflichtvorsorge ist nach AMR 11.1 zu veranlassen, wenn der AGW nicht eingehalten wird (relevant nur für Arsenwasserstoff), eine wiederholte Exposition gegenüber Carc./Mut. 1A/1B nicht ausgeschlossen ist (gilt für praktisch alle anorganischen Arsenverbindungen), oder die Verbindung hautresorptiv ist und Hautkontakt nicht auszuschließen ist.
Angebotsvorsorge greift bei einmaligen, gut gekapselten Arbeiten oder bei Tätigkeiten mit nicht-kanzerogenen Formen wie metallischem Arsen unter geschlossenen Bedingungen.
Nachgehende Vorsorge ist der kritische Punkt: Bei CMR-1A/1B-Arsenverbindungen meldet der Unternehmer betroffene Personen über DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) an. Die nachgehende Vorsorge beinhaltet Urinstatus, Hautinspektion (Rumpfhautbasaliome) und ggf. bildgebende Diagnostik des Thorax.
| Vorsorgeart | Erstvorsorge | Erste Nachvorsorge | Folgevorsorgen |
|---|---|---|---|
| Pflichtvorsorge | Vor Aufnahme der Tätigkeit | Nach 12 Monaten | Alle 24–36 Monate |
| Angebotsvorsorge | Vor Aufnahme | 12–24 Monate | 24–36 Monate |
| Nachgehende Vorsorge | Innerhalb 12 Mon. nach Ausscheiden | 36 Monate | Alle 3 Jahre |
Praxistipp: Der häufigste Fehler: Die DGUV-Vorsorge-Anmeldung beim Ausscheiden eines Mitarbeiters wird vergessen. Ein fester Anmelde-Workflow beim Austritt ist Pflicht.

Expositionsrelevante Tätigkeiten: Halbleiterherstellung mit Galliumarsenid (Epitaxie, Wafer-Schleifen, Ätzen), Arsenwasserstoff als Dotiergas, Gemengemacher in Glashütten mit Arsentrioxid als Läuterungsmittel, Aufbereitung arsenhaltiger Erze, Kupferschmelze und elektrolytische Raffination, Recycling arsenhaltiger Elektronik, Abbruch kontaminierter Produktionsanlagen, CCA-Holzrecycling.
Top-3-Branchen aus der IAAI-Kundenbasis:
1. Halbleiter- und Elektronikfertigung: GaAs-basierte Hochfrequenzbauelemente, LEDs, Laserdioden. Kritisch: MOCVD-Epitaxie, Wafer-Schleifen, Nasschemie. Besonders gefährlich: Arsenwasserstoff (Arsin) als Dotiergas — Geruchsausfall bei höheren Konzentrationen ist tödlich.
2. Spezialglas- und Glasindustrie: Arsentrioxid als Läuterungsmittel in Optik- und Borosilikatglasproduktion. Gemengemacher und Schmelzwannen-Personal bei nicht vollständig gekapselten Verfahren betroffen.
3. Holzschutzmittel-Produktion und Recycling: Aufarbeitung, Demontage und Entsorgung alter CCA-imprägnierter Hölzer (Bahnschwellen, Strommasten, Spielplätze). Pflichtvorsorge mit Biomonitoring im Routinerhythmus.
Krankheitsbild: Akut: Reizungen der Augen und Atemwege, bei oraler Vergiftung paralytische oder gastrointestinale Verläufe. Chronisch: Hyperkeratosen, Hyperpigmentierung, Arsen-Vasopathie, Polyneuropathien. Karzinome der Haut, Atemwege, Harnblase und Niere — mit Latenzzeiten von Jahrzehnten.

Beratung: Pflichtbestandteil. Inhalte: krebserzeugende Wirkung anorganischer Arsenverbindungen, toxische Wirkungen, Gefährdung durch Arsenwasserstoff (Geruchsausfall!), additive Effekte von Rauchen und Arsenexposition, PSA, Arbeitsplatzhygiene, Fischkarenz vor Biomonitoring.
Körperliche Untersuchung: Hautinspektion (Hyperkeratosen palmoplantar, Pigmentverschiebungen, Rumpfhautbasaliome), Schleimhäute, Auskultation Lunge, periphere Pulse (Arsen-Vasopathie), neurologische Orientierung (Sensibilität Hände/Füße, Vibrations-/Temperaturempfinden).
Biomonitoring (tragende Säule): 48 Stunden Fischkarenz vor Probennahme. Parameter: Σ Arsen(+III), Arsen(+V), Monomethylarsonsäure im Urin — BLW 10 µg/l. EKA-Korrelation: Akzeptanzkonz. 0,83 µg/m³ ↔ 2,5 µg/l Urin; Toleranzkonz. 8,3 µg/m³ ↔ 11 µg/l Urin. Probennahme am Schichtende.
Labordiagnostik (Erstuntersuchung): Großes Blutbild, BSG/CRP, Leberenzyme (AST, ALT, γ-GT), Kreatinin, Urinstatus mit Sediment. Eingangs-Biomonitoring als Leerwert.
Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen: (1) Keine Erkenntnisse, die Maßnahmen erfordern. (2) Erkenntnisse, bei denen Maßnahmen empfohlen werden — z. B. Einsatz an Arbeitsplätzen mit nachgewiesener geringerer Exposition. (3) Erkenntnisse, bei denen verkürzte Fristen empfohlen werden. (4) Erkenntnisse, bei denen ein Tätigkeitswechsel zu erwägen ist.
Gemäß AMR 6.3 erhalten versicherte Person und Arbeitgeber eine Vorsorgebescheinigung mit Anlass und nächstem Vorsorgetermin — keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil. Bei Anhaltspunkten für unzureichende Schutzmaßnahmen erfolgt eine anonymisierte betriebliche Empfehlung (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).
Gefährdungsbeurteilung als Anker: Arsen-Vorsorgepflicht entsteht aus der Gefährdungsbeurteilung nach TRGS 400/402 und 561. Bei Galliumarsenid-Prozessen ist die Schutzstufenkonzeption nach TRGS 910 zwingend.
Arsenwasserstoff als Sonderfall: Nur für Arsin existiert ein AGW (0,005 ppm). Dotiergasbetriebe brauchen AsH₃-Detektoren mit Alarmierung, Notfall-Spülsysteme und ein klares Evakuierungsregime.
DGUV-Vorsorge-Anmeldung beim Austritt: Pflicht-Workflow im HR/Personal. Die IAAI übernimmt diesen Schritt für ihre Kunden.
Vorsorgekartei lückenlos führen: Verstöße sind ordnungswidrig (§ 11 ArbMedVV) mit bis zu 5.000 Euro je Fall. IAAI-Kunden nutzen CompDocs mit automatisierten Fristerinnerungen.
Hand-zu-Mund-Hygiene: Getrennte Pausen-/Essbereiche, getrennte Spinde, Wechsel der Arbeitskleidung, striktes Rauch- und Essverbot in Arbeitsbereichen.
Vor der Vorsorge: Gefährdungsbeurteilung anfordern, bei Halbleiter-/Glasprozessen Anlagenbeschreibung mit Stoffspezifikation. Arbeitsplatzbegehung — Reinraum, Schmelzwanne, Galvanik vor Ort kennenlernen.
Eingangsberatung: Tabakanamnese in Packungsjahren (additive Effekte), Aufklärung über Krebsrisiko und Geruchsausfall-Risiko bei Arsin, Fischkarenz-Briefing bereits in der Eingangsberatung.
Untersuchung: Hautinspektion strukturiert und reproduzierbar — Dermatoskop für verdächtige Pigmentveränderungen. Biomonitoring nur bei eingehaltener 48-Stunden-Fischkarenz. Probennahme am Schichtende, Kreatinin-Bezug sicherstellen (0,3–3,0 g/L).
Beurteilungsfallen: Erhöhte Dimethylarsinsäure kann ernährungsbedingt sein — Σ As(+III), As(+V) und MMA sind aussagekräftiger. Hyperkeratosen können erst nach Jahren auftreten. Bei Bleiarsenat zusätzlich Blei-Vorsorge nach E PB veranlassen.
IAAI-Praxisanker: In der IAAI nutzen wir die CompDocs-Vorsorgekartei mit Erinnerungen, Bescheinigungs-Templates, Biomonitoring-Verlaufskurven und DGUV-Vorsorge-Anmelde-Listen für Arsen-Pflichtvorsorgen.
Vorsorge nach ArbMedVV trägt der Arbeitgeber — inkl. Biomonitoring. Die nachgehende Vorsorge organisieren die Unfallversicherungsträger über das DGUV-Meldeportal.
Ja. Die Eingangsberatung ist jedoch Pflichtbestandteil der Pflichtvorsorge — ohne sie gilt die Pflichtvorsorge als nicht stattgefunden.
Ordnungswidrigkeit nach § 11 ArbMedVV — Bußgelder bis 5.000 Euro je Fall. Bei CMR-1A/1B-Stoffen zusätzlich Verstoß gegen GefStoffV/TRGS 910. Im BK-1108-Fall Regress des UV-Trägers.
Fisch, Meeresfrüchte und Algen enthalten organische Arsenverbindungen, die als Arsen-Spezies im Urin mitgemessen werden. Ohne Karenz ist die Beurteilung der arbeitsbedingten Belastung unmöglich.
Arsin (AsH₃) ist das einzige Arsenderivat mit AGW (0,005 ppm). Geringe Mengen riechen knoblauchartig — bei höheren Konzentrationen versagt die Geruchswahrnehmung. Arsin wirkt akut hämolytisch und kann tödlich sein.
BK 1108 „Erkrankungen durch Arsen oder seine Verbindungen“ — erfasst werden Hauttumoren, Bronchialkarzinome, Harnblasen-/Nierenkarzinome, chronische Hautveränderungen und periphere Neuropathien bei nachgewiesener Exposition.
Reis (insbesondere ungeschält) kann anorganisches Arsen enthalten. Das wird in der Anamnese erfasst und bei der Biomonitoring-Bewertung berücksichtigt. Empfehlung: Vor der Untersuchung auch Reisprodukte meiden.
Nein. Biomonitoring ist ein Verlaufsparameter mit kurzer Halbwertszeit (ca. 2 Tage). Werte sind nur unmittelbar nach der Probennahme aussagekräftig. Vorbefunde dienen dem Vergleich, ersetzen aber keine aktuelle Messung.
Primärquelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (Hrsg.): DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, 2. Auflage September 2024, DGUV Empfehlung „Arsen und Arsenverbindungen“ (E ARS), Fassung Januar 2022 (Grenzwerte 2024), S. 73–97. Webcode p022429.
Rechtsgrundlagen: ArbMedVV i.d.F. 18.10.2013, zuletzt geändert 30.06.2023; GefStoffV 2024; ArbSchG; ASiG; DGUV Vorschrift 2; CLP-VO (EG) 1272/2008; REACH-VO (EG) 1907/2006 Anhang XVII.
Weiterführend: AMR 2.1, 5.1, 6.2, 6.3, 11.1; TRGS 410, 420, 500, 526, 561, 900, 903, 905, 910; DFG MAK-/BAT-Werte-Liste; BAuA Biomonitoring-Auskunftssystem; BfR Stellungnahme Arsen in Reis (018/2015); GESTIS-Stoffdatenbank; DGUV BK-Info Portal.
Die IAAI Arbeitssicherheit GmbH ist Ihr externer arbeitsmedizinischer und sicherheitstechnischer Dienst — vom kleinen Spezialbetrieb bis zum Industriekonzern. Wir betreuen über 80 Branchen mit einem festen Team aus Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit. Die Vorsorgekartei führen wir digital in unserer CompDocs-Plattform.
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Beratungsgespräch anfragenStand: 28. Februar 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Maßgeblich sind die in Abschnitt 10 genannten Quellen.