
Auf einen Blick: Wer mit Bleitetraethyl oder Bleitetramethyl umgeht — heute praktisch nur noch bei Tankreinigung, Sondermüll-Entsorgung kontaminierter Altstandorte oder bei verbleitem Flugbenzin (AvGas 100 LL) — unterliegt der arbeitsmedizinischen Pflicht- oder Angebotsvorsorge. Anders als bei anorganischem Blei ist der Hauptaufnahmeweg die Haut, das Hauptzielorgan das Zentralnervensystem. Akute Bleialkyl-Intoxikationen können mit Halluzinationen, Delir und Koma lebensbedrohlich verlaufen.
Die Bleitetraethyl-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für Beschäftigte, die gegenüber Bleitetraethyl (Pb(C₂H₅)₄) oder Bleitetramethyl (Pb(CH₃)₄) exponiert sein können. Sie ist unter dem Kürzel E BLO geregelt (Fassung Januar 2022, Grenzwerte aktualisiert 2024). Schutzziel ist die Verhinderung und Früherkennung der akuten und chronischen Bleialkyl-Intoxikation — eine eigenständige, schwere Vergiftungsform mit primär neurotoxischem Krankheitsbild.
Bleitetraethyl und Bleitetramethyl sind metallorganische Bleiverbindungen — farblose, schwere ölige Flüssigkeiten von süßlichem Geruch. Historisch als Antiklopfmittel in Vergaserkraftstoffen eingesetzt. In Deutschland endete der Verkauf bleihaltigen Benzins Ende 1996. Heute betrifft die Vorsorge vor allem Tanksanierungs-Kolonnen, Sondermüll-Verbrennungsbetriebe sowie Spezialwerkstätten und Flugplätze mit AvGas 100 LL.
Die Vorsorge verfolgt zwei Ziele: Beratung zur Hautresorption als Hauptaufnahmeweg und Früherkennung von Intoxikationszeichen über neurologisch-psychiatrische Anamnese, Untersuchung und Biomonitoring.
Die Bleitetraethyl-Vorsorge ist in der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) geregelt — konkret in Anhang Teil 1 in Verbindung mit der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV). Die DGUV Empfehlung E BLO konkretisiert die fachärztliche Durchführung in der 2. Auflage der DGUV Empfehlungen (September 2024).
Relevante Rechtsgrundlagen (Stand April 2026):
Wichtig: Die DGUV-Empfehlung ist keine Rechtsverbindlichkeit, sondern best practice. Maßgeblich rechtsverbindlich sind ArbMedVV, GefStoffV und die TRGS-Reihe. Wegen Einstufung als reproduktionstoxisch Kat. 1A bestehen strikte Beschäftigungsverbote nach MuSchG und JArbSchG.
Pflichtvorsorge ist zu veranlassen, wenn der AGW (0,05 mg/m³) nicht eingehalten wird oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann. Bei Tanksanierung, Befüllen/Entladen von Kesselwagen und Spezial-Avgas-Produktion ist Pflichtvorsorge der Regelfall.
Anzubieten, wenn Exposition nicht ausgeschlossen werden kann, aber keine Pflichtvorsorge greift — etwa bei laborüblichen Mengen unter TRGS 526 oder geschlossenen Begehungen.
Auf Wunsch der versicherten Person zu ermöglichen, es sei denn, aufgrund der Arbeitsbedingungen ist kein Gesundheitsschaden zu erwarten.
| Vorsorgeart | Erstvorsorge | Erste Nachvorsorge | Folgevorsorgen |
|---|---|---|---|
| Pflichtvorsorge | vor Aufnahme der Tätigkeit | nach 12 Monaten | alle 24–36 Monate |
| Angebotsvorsorge | vor Aufnahme | 12–24 Monate | 24–36 Monate |
| Wunschvorsorge | auf Anlass | individuell | offen |
Praxisrelevanz: Der häufigste Fehler: Tätigkeit wird als selten eingestuft, Hautkontakt unterschätzt — Pflichtvorsorge wird zu Unrecht nicht veranlasst. Wer Schläuche an einem Kesselwagen anschließt oder einen Erdtank reinigt, hat realistischen Hautkontakt-Verdacht — Pflichtvorsorge ist der sichere Weg.

Bleialkyle besitzen eine starke systemische Toxizität mit primär neurotoxischem Krankheitsbild. Akut treten — oft erst nach Stunden bis Tagen Latenz — Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Angstzustände, Halluzinationen sowie Hypotonie und Bradykardie auf. In schweren Fällen folgen Psychosen, Krämpfe, Delirium und Koma. Chronisch dominieren Erregbarkeit, Depressionen, Tremor, Ataxie und Neurasthenie.
Wichtig für die Differentialdiagnose: Die klassischen Zeichen anorganischer Bleivergiftung — Anämie, basophil getüpfelte Erythrozyten, Fallhand, Bleisaum — treten bei Bleialkyl-Intoxikation nicht auf. Entscheidend ist das relative Bleimuster in Blut und Urin.
Mineralöl-Industrie (historisch / Restbetriebe): Heute nur noch spezialisierte Restbetriebe — etwa Anlagen für Spezial-Avgas (100 LL). Pflichtvorsorge ist Standard, Biomonitoring quartalsweise.
Tanksanierung (Tankstellen, Erdtanks, Kesselwagen): Der quantitativ größte Vorsorgeanlass heute. Hautresorption ist das Schlüsselrisiko — Tyvek-Vollschutz und autonomer Atemschutz sind Pflicht.
Sondermüll-Entsorgung kontaminierter Standorte: Bleitetraethyl-haltige Schlämme und kontaminierte Erden in Sondermüll-Verbrennungsanlagen. Gefährdet sind Probenehmer, Anlagenfahrer und Wartungspersonal.
Die Vorsorge beginnt zwingend mit einem Beratungsgespräch: Wirkmechanismus der Bleialkyle, Hauptaufnahmewege Atemwege und Haut, Einhaltung des AGW, Vermeidung jeglichen Hautkontakts, persönliche Hygiene, Biomonitoring-Information, Hinweis auf Beschäftigungsverbote für Jugendliche sowie werdende und stillende Mütter.
Schwerpunktfragen: Erkrankungen des Blutes, Herz-Kreislauf-Systems, Nervensystems, Hauterkrankungen, psychische Erkrankungen; Beschwerden wie Angsträume, Schlafstörungen, Händezittern, Gewichtsabnahme; Arbeitsanamnese zu früheren Expositionen und PSA-Verwendung.
Erstuntersuchung: Urinstatus, großes Blutbild, Kreatinin, Leberenzyme (SGOT, SGPT, γ-GT); bei Exposition: Biomonitoring.
Nachuntersuchung: Urinstatus, Blutbild, Kreatinin, Leberenzyme — und in jedem Fall Biomonitoring.
| Parameter | Material | Beurteilungswert |
|---|---|---|
| Blei (Gesamt) | Vollblut | BLW 150 µg/l |
| Organisches Blei | Urin | Differentialdiagnostisch |
Achtung: ALA-Synthase im Vollblut ist bei Bleialkyl-Exposition nicht relevant — anders als bei anorganischem Blei. Bleialkyle wirken primär neurotoxisch, nicht häm-synthese-toxisch.

Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen:
Gemäß AMR 6.3 erhalten versicherte Person und Arbeitgeber eine Bescheinigung mit Anlass und nächstem Vorsorgetermin — keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil.
Ergeben sich Anhaltspunkte, dass Schutzmaßnahmen nicht ausreichen, ist dies dem Unternehmen mitzuteilen (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV) — als anonymisierte, betriebliche Empfehlung.
Vor der Vorsorge: Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, TRGS 401-Hautgefährdungs-Bewertung prüfen, Arbeitsplatzbegehung durchführen.
Eingangsberatung: Kernbotschaft: Haut ist der Hauptaufnahmeweg. Aufklärung über Latenz der Symptomatik (Stunden bis Tage) — scheinbar harmlose Schichtarbeiten können Tage später mit Halluzinationen ausbrechen.
Untersuchung: Neurologisch-psychiatrisch mit Schwerpunkt Tremor, Ataxie, Stimmung, Schlaf. Differenzialdiagnose: Alkoholismus, Drogen, Schizophrenie — entscheidend ist das Bleimuster in Blut/Urin. ALA-Synthase nicht als Suchtest einsetzen.
Dokumentation: Vorsorgekartei vollständig, Biomonitoring-Verläufe immer mitführen, bei Auffälligkeiten Stufe-2-Maßnahmen schriftlich an Unternehmer.
IAAI-Praxisanker: In der IAAI nutzen wir die Vorsorgekartei mit automatisierten Erinnerungen, Bescheinigungs-Templates, Biomonitoring-Verlaufsgrafik und Vorsorge-Reportings für Sanierungsfirmen.
Vorsorge nach ArbMedVV trägt der Arbeitgeber. Sie darf während der Arbeitszeit stattfinden. Biomonitoring-Kosten sind eingeschlossen.
Verbleites Straßenbenzin ist seit Ende 1996 verboten. Relevant bleibt AvGas 100 LL für ältere Hubkolben-Flugmotoren sowie kontaminierte Altstandorte und Sondermüll-Streams.
Bleitetraethyl ist hochgradig hautresorptiv — die ölige Flüssigkeit dringt durch intakte Haut ein. Bleitetramethyl wird weniger über die Haut, dafür stärker inhalativ aufgenommen. Beide Stoffe erfordern lückenlosen Hautschutz.
Anorganisches Blei wirkt primär hämatologisch (Anämie, Fallhand, Bleisaum). Bleialkyle wirken primär neurotoxisch (Halluzinationen, Krämpfe, Delir). Suchparameter: organisch — Vollblut-Blei und organisches Blei im Urin.
BK-Nr. 1101 — Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen (umfasst anorganisches und organisches Blei).
Vollschutzanzug Typ 5/6 (Tyvek), chemikalienbeständige Handschuhe (Butyl/Viton), autonomer Atemschutz mit Pressluft. Filtergräte reichen bei flüssigen Bleialkylen oft nicht aus.
Reproduktionstoxisch Kat. 1A: strikte Beschäftigungsverbote nach MuSchG für werdende/stillende Mütter und nach JArbSchG für Jugendliche unter 18 Jahren.
Primärquelle: DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, 2. Auflage September 2024, E BLO Fassung Januar 2022, S. 139–156.
Rechtsgrundlagen: ArbMedVV, GefStoffV, TRGS 401/900/903, AMR 2.1/6.2/6.3, MuSchG, JArbSchG, BKV (BK 1101), CLP-Verordnung.
Weiterführend: GESTIS-Stoffdatenbank (www.gestis.dguv.de), DFG MAK- und BAT-Werte-Liste, Biomonitoring-Auskunftssystem der BAuA, DGUV-Empfehlung E APB (Blei anorganisch).
Die IAAI Arbeitssicherheit GmbH organisiert Pflichtvorsorge, Biomonitoring und Gefährdungsbeurteilung für Sanierungsbetriebe, Sondermüll-Entsorger und Avgas-Betriebe — bundesweit, digital, rechtssicher.
Beratungsgespräch anfragenStand: 8. Januar 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Maßgeblich sind die in Abschnitt 10 genannten Quellen. Rechtsstand: April 2026.