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Schwefelkohlenstoff (CS₂) – Arbeitsmedizinische Vorsorge nach DGUV E CS2

Aktualisiert: 18. März 2026 · Lesezeit: ca. 14 Min.

Auf einen Blick: Kohlenstoffdisulfid (CS₂) ist ein potentes Neuro- und Vasotoxin. Chronische Exposition verursacht Polyneuropathie, beschleunigte Atherosklerose mit erhöhter koronarer Mortalität und Hepatotoxizität. Die Vorsorge nach DGUV-Empfehlung E CS2 umfasst neurologische Diagnostik (128-Hz-Stimmgabel, Reflexstatus), Ergometrie und TTCA-Biomonitoring (BGW 4 mg/g Kreatinin). Hauptbranchen: Viskose-/Cellulose-Produktion, Gummiindustrie (Vulkanisation) und Chemie-Synthese. Berufskrankheit: BK 1305.

Viskose-Spinnerei mit Beschäftigtem in chemikalienbeständiger Vollschutz-Ausrüstung und Atemschutz

1. Was ist Schwefelkohlenstoff?

Kohlenstoffdisulfid (CS₂, CAS 75-15-0, Synonym Schwefelkohlenstoff) ist eine farblose bis gelbliche, leicht entzündbare Flüssigkeit mit charakteristischem Geruch nach Rettich. CS₂ verdunstet bereits bei Normaltemperatur stark; die Dämpfe sind schwerer als Luft und sammeln sich in Bodennähe.

CS₂ wird sowohl inhalativ als auch dermal aufgenommen – die Substanz ist ausgeprägt hautresorptiv. In der Leber wird CS₂ über Cytochrom P450 zu Carbonylsulfid und reaktivem atomarem Schwefel metabolisiert. Der AGW nach TRGS 900 liegt bei 30 mg/m³ (10 ppm).

Die arbeitsmedizinische Vorsorge zielt auf Früherkennung CS₂-assoziierter Erkrankungen: distal betonte sensomotorische Polyneuropathien, Enzephalopathie, kardiovaskuläre Folgen einer beschleunigten Atherosklerose sowie Leber- und Nierenschäden.

2. Rechtsgrundlage und Vorsorgeanlässe

RegelwerkRelevanter Inhalt
ArbMedVV Anh. 1 Teil 1 (1)Pflichtvorsorge bei AGW-Überschreitung oder dermaler Gefährdung
ArbMedVV Anh. 2 Teil 1Angebotsvorsorge bei Exposition unterhalb AGW ohne Hautgefahr
DGUV Empfehlung E CS2Fachärztliche Durchführung, Fassung Januar 2022
TRGS 900AGW: 30 mg/m³ (10 ppm)
TRGS 903BGW: TTCA 4 mg/g Kreatinin (Höchstwert)
GefStoffV §§16Substitutionsprüfung, geschlossene Systeme
MuSchGCS₂ kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen / Kind schädigen
BK 1305Erkrankungen durch Schwefelkohlenstoff
AMR 2.1Fristen: Erst vor Aufnahme, Nachfolge 12–36 Monate

Achtung Ototoxizität: Werden CS₂-Tätigkeiten in Lärmbereichen ausgeübt, sind die ototoxischen Eigenschaften bei der Gehörvorsorge mitzubewerten. Kombinationswirkungen aus Lärm und CS₂ erhöhen das Risiko einer Innenohrschädigung erheblich.

3. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

BrancheExpositionsquelleTypische Belastung
Viskose-/Cellulose-ProduktionSpinnerei, Xanthogenat-Anlagen, SpinnbadwechselHoch, Spitzen bei Wartung
Gummiindustrie / VulkanisationMischsaal, Heizpressen, ExtraktionenMittel bis hoch
Chemie-SyntheseCS₂ als Edukt für Beschleuniger, XanthogenateGeschlossene Systeme, Spitzen bei Wartung
ExtraktionsanlagenFett-, Öl-, Harz-ExtraktionVariabel
AltlastensanierungEhemalige Viskose-/GummiwerkeSpitzen bei Öffnung

Praxistipp: Häufiger Fehler: Beschäftigte mit „nur gelegentlicher“ CS₂-Exposition (Schichtwechsel, Probenahme) werden aus der Vorsorge herausgehalten. Maßgeblich ist die Gefährdungsbeurteilung mit Spitzenwerten, nicht der Schichtmittelwert.

Nervenleitgeschwindigkeitsmessung am Bein zur Polyneuropathie-Diagnostik bei Schwefelkohlenstoff-Vorsorge

4. Gesundheitsgefahren

Akute Wirkung

CS₂ wirkt narkotisch: Erregungszustand, Schlaflosigkeit, psychische Störungen – bei hoher Dosis Bewusstlosigkeit bis zum tödlichen Ausgang.

Chronische Wirkung – die drei Säulen der CS₂-Toxizität

SystemWirkungDetails
Peripheres NSPolyneuropathieDistal betonte Sensibilitätsstörungen, abgeschwächte Achillessehnenreflexe, axonale Degeneration
ZNSEnzephalopathieKonzentrationsverlust, Gedächtnisschwäche, emotionale Labilität, in schweren Fällen Psychosen
GefäßsystemBeschleunigte AtheroskleroseErhöhte koronare Mortalität, pAVK, zerebrovaskuläre Ereignisse
LeberHepatotoxizitätErhöhung von γ-GT, ALT, AST
AugeRetinopathieErworbene Farbsehstörungen, Mikroangiopathie am Fundus
ReproduktionReproduktionstoxizitätKann Fruchtbarkeit beeinträchtigen, Kind im Mutterleib schädigen

Wichtig: CS₂-Polyneuropathie beginnt schleichend mit distalen Parästhesien und Reflexabschwächung. Frühzeichen sind mit der 128-Hz-Stimmgabel und dem Achillessehnenreflex erkennbar – bevor subjektive Beschwerden auftreten.

5. Ablauf der Vorsorgeuntersuchung

Erstvorsorge

UntersuchungsschrittMethode / Inhalt
BeratungPolyneuropathie-, Enzephalopathie- und Atherosklerose-Risiko; Hautresorption; MuSchG-Information; PSA-Beratung (PVA/Viton-Handschuhe, AX-Filter)
AnamneseArbeitsanamnese mit Spitzenexpositionen, Vorerkrankungen (Diabetes, Alkohol, B12-Mangel als Confounder)
NeurologieReflexstatus (Achillessehnenreflex seitenvergleichend), 128-Hz-Stimmgabel, Sensibilitätsprüfung, Romberg/Unterberger
KardiovaskulärErgometrie, Blutdruck beidseits, Pulspalpation A. dorsalis pedis + A. tibialis posterior
BiomonitoringTTCA im Urin (BGW: 4 mg/g Kreatinin), Probenahme Schichtende, 24-h-Diätanamnese (Kohlgemüse!)
LaborUrinstatus, γ-GT, ALT, AST, Cholesterin, Triglyceride, kl. Blutbild

Nachfolgeuntersuchungen

Alle 12–36 Monate (AMR 2.1). Zusätzlich: Augenhintergrund-Spiegelung (CS₂-Mikroangiopathie), bei Auffälligkeiten ENG/EMG und fachpsychiatrische Beurteilung. Lanthony-D-15-Test bei V.a. erworbene Farbsehstörung.

Hinweis: TTCA wird auch durch rohes Kohlgemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl) erhöht. Eine 24-h-Diätanamnese vor der Probe ist Pflicht. Bei nachgewiesenem Kohlverzehr: Wiederholungsprobe nach Karenz.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen:

StufeBedeutungMaßnahme
1Keine Erkenntnisse, die Maßnahmen erfordernTätigkeit fortsetzbar
2Maßnahmen empfohlenSubstitution, technische/organisatorische Schutzmaßnahmen, PSA
3Verkürzte Fristen empfohlenEngmaschigere Kontrolle, erweitertes Biomonitoring
4Tätigkeitswechsel zu erwägenWenn Maßnahmen aus Stufe 2+3 nicht ausreichen

Die Vorsorgebescheinigung enthält gemäß AMR 6.3 nur Anlass und nächsten Termin – keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil.

7. Schutzmaßnahmen

KategorieMaßnahme
SubstitutionLyocell-Verfahren (NMMO statt CS₂) in der Cellulosefaser-Branche; CS₂-freie Alternativen prüfen
TechnischGeschlossene Systeme, redundante Lüftung, Bodenabsaugung (Dämpfe schwerer als Luft)
OrganisatorischSpitzenexpositions-Szenarien in Gefährdungsbeurteilung modellieren, Zutrittsregelung, Ess-/Trinkverbot
PSA HautPVA- oder Viton/FKM-Handschuhe (Nitril ungeeignet!), Sicherheitsdatenblatt + WINGIS beachten
PSA AtemFilter Typ AX (niedrigsiedende org. Verbindungen) – A1/A2-Filter sind für CS₂ unzureichend

Wichtig: Standard-Nitrilhandschuhe versagen bei CS₂ schnell. Nur PVA, Viton/FKM oder Mehrschicht-Laminate gemäß Sicherheitsdatenblatt verwenden. Atemschutzfilter Typ AX statt A1/A2!

Vulkanisationsanlage in Gummiwerk mit Absaugung über den Heizpressen – CS2-Exposition in der Gummiindustrie

8. Berufskrankheit BK 1305

Die BK 1305 „Erkrankungen durch Schwefelkohlenstoff“ umfasst Polyneuropathie, Enzephalopathie sowie kardiovaskuläre und parenchymatöse Manifestationen (Leber, Niere).

KriteriumAnforderung
ExpositionNachgewiesene berufliche CS₂-Exposition (Arbeitsanamnese, TTCA-Werte, Messungen)
KrankheitsbildPolyneuropathie, Enzephalopathie, KHK/pAVK, Hepatotoxizität
DifferenzialdiagnoseBK 1305 vs. BK 1317 (Lösungsmittel-Gemische) bei Mehrfachexposition
ConfounderDiabetes, Alkohol, B12-Mangel, Rauchen, Hypertonie ausschließen
MeldungVerdachtsanzeige an BG/UV-Träger bei begründetem Verdacht

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten der Schwefelkohlenstoff-Vorsorge?

Der Arbeitgeber trägt alle Kosten, einschließlich TTCA-Biomonitoring. Die Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.

Was ist TTCA und warum ist sie der Biomonitoring-Parameter?

TTCA (2-Thio-thiazolidin-4-carbonsäure) ist das Kondensationsprodukt aus CS₂ und Cystein. Sie wird proportional zur CS₂-Belastung im Urin ausgeschieden. Der biologische Grenzwert liegt bei 4 mg/g Kreatinin (Höchstwert), Probenahme zum Schichtende.

Warum verfälscht Kohlgemüse den TTCA-Wert?

Glucosinolate aus rohem Kohlgemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl) erhöhen die TTCA-Ausscheidung unspezifisch. Deshalb ist eine 24-h-Diätanamnese vor der Probe Pflicht – bei Kohlverzehr Wiederholung nach Karenz.

Wie früh erkennt man eine CS₂-Polyneuropathie?

Frühzeichen: diskrete distale Parästhesien, abgeschwächter Achillessehnenreflex und reduziertes Vibrationsempfinden (128-Hz-Stimmgabel). Bei auffälligen Befunden: fachneurologische Untersuchung mit ENG/EMG.

Dürfen Schwangere mit CS₂ arbeiten?

In der Regel nein. CS₂ kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen und das Kind schädigen. Nach MuSchG ist die Tätigkeit zu unterlassen oder die Mitarbeiterin umzusetzen.

Warum sind Standard-Nitrilhandschuhe ungeeignet?

CS₂ durchdringt Nitril rasch. Geeignet sind PVA-, Viton/FKM- oder Mehrschicht-Laminate gemäß Sicherheitsdatenblatt und WINGIS-Datenbank.

Was bedeutet ototoxische Wirkung bei CS₂?

CS₂ schädigt das Innenohr direkt und verstärkt Lärmschäden. Bei Lärmexposition über 80 dB(A) muss die Gehörvorsorge die CS₂-Ototoxizität berücksichtigen.

Welche Differenzialdiagnose ist bei BK 1305 wichtig?

BK 1305 (CS₂) vs. BK 1317 (Lösungsmittel-Gemische) bei Mehrfachexposition. Außerdem: Diabetes, Alkohol, B12-Mangel als Polyneuropathie-Confounder systematisch ausschließen.

Was passiert bei wiederholter TTCA-Grenzwertüberschreitung?

Anonymisierte Mitteilung an den Arbeitgeber nach AMR 6.4, dass Schutzmaßnahmen überprüft werden müssen. Engmaschigeres Biomonitoring und ggf. Umsetzung des Beschäftigten.

Gibt es eine Substitution für CS₂ in der Viskose-Produktion?

Ja – das Lyocell-Verfahren (NMMO statt CS₂) ist der etablierte Substitutionspfad in der Cellulosefaser-Branche und sollte technisch geprüft werden.

10. Checkliste für Arbeitgeber

MaßnahmeVerantwortlich
Gefährdungsbeurteilung mit CS₂-Spitzenexpositions-Szenarien erstellenArbeitgeber + FaSi
Substitutionsprüfung dokumentieren (Lyocell-Verfahren?)Arbeitgeber
Arbeitsplatzmessungen nach TRGS 402 veranlassenArbeitgeber / Messstelle
Pflicht- oder Angebotsvorsorge organisierenArbeitgeber + Betriebsarzt
Hautschutzplan mit PVA/Viton-Handschuhen erstellenArbeitgeber + FaSi
Atemschutz Typ AX bereitstellen (nicht A1/A2!)Arbeitgeber
Gehörvorsorge bei Lärm+CS₂ verschränkenBetriebsarzt
Mutterschutz-Gefährdungsbeurteilung vorab durchführenArbeitgeber
Vorsorgekartei lückenlos führen (§ 3 ArbMedVV)Arbeitgeber

CS₂-Vorsorge mit IAAI

Unsere Fachärzte für Arbeitsmedizin führen die komplette CS₂-Vorsorge durch – inklusive neurologisch-kardiovaskulärer Diagnostik, TTCA-Biomonitoring mit Diätanamnese und verschränkter Lärm-/Ototoxizitäts-Bewertung. Bundesweit, digital organisiert über CompDocs.

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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: März 2026.