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Schwefelwasserstoff (H₂S) – Arbeitsmedizinische Vorsorge nach DGUV E H2S

Aktualisiert: 19. April 2026 · Lesezeit: ca. 13 Min.

Auf einen Blick: Schwefelwasserstoff (H₂S) ist ein farbloses, hochtoxisches Gas – bekannt als „Faule-Eier-Gas“. Ab 100 ppm fällt die Geruchswahrnehmung durch Lähmung der Riechnerven aus; ab 500 ppm tritt der Sekundentod durch Atemlähmung ein. Wer in Abwasser, Petrochemie oder Biogas arbeitet, unterliegt der Vorsorge nach ArbMedVV. Schwerpunkte: EKG, Spirometrie, Riechtest mit Sniffin’ Sticks und Q18-Fragebogen. AGW: 5 ppm. Berufskrankheit: BK 1202.

Klärwerker mit umluftunabhängigem Atemschutz beim Befahren eines Faulturm-Schachts mit Sicherungsmann und Mehrgas-Warngerät

1. Was ist Schwefelwasserstoff?

H₂S (CAS 7783-06-4) ist ein farbloses, lebensgefährliches Gas, das intensiv nach faulen Eiern riecht. Es ist schwerer als Luft und reichert sich in Schächten, Gruben und Behältern an. Der AGW nach TRGS 900 beträgt 5 ppm (7,1 mg/m³).

Die tückische Eigenschaft: Ab ca. 100 ppm versagt die Geruchswahrnehmung durch Lähmung der Riechnerven – die Warnwirkung verschwindet vor der lebensgefährlichen Konzentration. Ab 500 ppm Atemlähmung, ab 1.000 ppm Bewusstlosigkeit und Tod nach wenigen Minuten.

Kein routinetauglicher Biomonitoring-Parameter verfügbar (kurze Halbwertszeit). Die Vorsorge stützt sich auf klinische Diagnostik: EKG, Spirometrie, Riechtest und neurologische Untersuchung.

2. Rechtsgrundlagen und Vorsorgeanlässe

RegelwerkRelevanter Inhalt
ArbMedVV Anh. 1 Teil 1 (1)Pflichtvorsorge bei AGW-Überschreitung (5 ppm)
ArbMedVV Anh. 2 Teil 1Angebotsvorsorge bei Exposition unterhalb AGW
DGUV Empfehlung E H2SFachärztliche Durchführung, Fassung Januar 2022
TRGS 900AGW: 5 ppm (7,1 mg/m³), ÜF 2
DGUV Regel 103-003Befahrerlaubnis, Sicherungsmann, Rettungsgeschirr
G26.3Atemschutz-Tauglichkeit (separate Eignungsuntersuchung)
MuSchG / JArbSchGBeschäftigungsbeschränkungen Schwangere/Jugendliche
BK 1202Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff

Sekundentod-Gefahr: Ab 100 ppm wird H₂S nicht mehr wahrgenommen, ab 500 ppm Atemlähmung, ab 1.000 ppm Tod nach Minuten. Beim Befahren von Schächten: Mehrgas-Warngerät, umluftunabhängiger Atemschutz, Befahrerlaubnis, Sicherungsmann mit Rettungsgeschirr.

3. Gesundheitsgefahren

Akute Toxizität

KonzentrationWirkung
0,02 ppmGeruchsschwelle (Faule-Eier-Geruch)
5 ppmAGW – bei Einhaltung keine Gesundheitsgefahr
50–100 ppmSchleimhautreizung, Kopfschmerz, Übelkeit
100 ppmAusfall der Geruchswahrnehmung (Riechnervenlähmung)
200–500 ppmToxisches Lungenödem (Latenz 1–2 Tage!), ZNS-Depression
500–1.000 ppmBewusstlosigkeit, Atemlähmung, Sekundentod
> 1.800 ppmSofortige Atemlähmung

Chronische Exposition

Langzeitexposition verursacht Augen- und Atemwegsreizung, Hyposmie (Riechstörung), Appetitverlust, kognitive Defizite und Persönlichkeitsveränderungen. Am Herz: EKG-Veränderungen (T-Negativierung), Rhythmusstörungen, Hypotonie.

Beschäftigter beim Riechtest mit Sniffin Sticks im Rahmen der arbeitsmedizinischen H2S-Vorsorge

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

BrancheExpositionsquelleRisikoprofil
Abwasser / KlärwerkeFaulturm-Wartung, Kanalbefahrung, SchlammbehandlungSehr hoch (anaerobe Zonen)
Petrochemie / RaffinerienSchwefelrückgewinnung (Claus), Probenahme, FilterwechselHoch (Sauergas)
BiogasanlagenFermenter-Reparatur, Pumpentausch, Gärrest-BehälterHoch (tödliche Spitzen dokumentiert)
LandwirtschaftGülle-Rühren, Güllelager, StallentmistungHoch (mehrere Todesfälle/Jahr in DE)
Gerbereien / AbdeckereienSulfidhaltige Wässer, FaulungsprozesseMittel bis hoch
ErdgasaufbereitungRohgas/Sauergas-Leitungen, EntschwefelungHoch
LaboreKationentrennungsgang, SulfidfällungGering (Abzug)

Praxistipp: Wer Atemschutz tragen muss, braucht immer beides: ArbMedVV-Vorsorge plus G26.3-Eignungsuntersuchung. Die IAAI führt beide kombiniert in einem Termin durch.

5. Ablauf der Vorsorgeuntersuchung

UntersuchungsschrittMethode / Inhalt
BeratungToxizität, Geruchsausfall ab 100 ppm, Atemschutz, Befahrerlaubnis, Notfallmanagement
AnamneseAtemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf, neurologische/psychische Auffälligkeiten, Geruchsstörungen
Ruhe-EKG12 Ableitungen – T-Negativierung, Rhythmusstörungen als H₂S-Marker
SpirometrieFluss-Volumen-Kurve – obstruktive/restriktive Ventilationsstörung
RiechtestSniffin’ Sticks (8 Sticks) – Hyposmie als Frühmarker
Q18-FragebogenPsychonervaler Screening-Fragebogen (Anlage DGUV E Styrol)
LaborKleines Blutbild
NeurologieOrientierende Untersuchung: Tremor, Koordination, Reflexstatus

Hinweis: Kein Biomonitoring möglich – die Halbwertszeit von H₂S-Metaboliten (Thiosulfat, Sulfat) ist zu kurz für Routine-Vorsorge. Die Diagnostik stützt sich ausschließlich auf klinische Untersuchungen.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Relevante Beurteilungskriterien: hämodynamisch wirksame Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenemphysem, chronische Atemwegserkrankungen, Störungen des Geruchsvermögens (Hyposmie/Anosmie), Anämie, ausgeprägte psychovegetative oder neurologische Störungen.

Die Vorsorgebescheinigung enthält gemäß AMR 6.3 nur Anlass und nächsten Termin – keine Diagnose, keine Befunde. Bei Häufung von Hyposmie-Befunden in einer Anlage: anonymisierte Mitteilung an den Arbeitgeber nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV.

7. Schutzmaßnahmen

KategorieMaßnahme
DetektionMehrgas-Warngerät (z.B. Dräger Pac, MSA Altair) mit Alarmschwellen 5/10/20 ppm
BefahrerlaubnisSchriftlich mit Gas-Freimessung, Sicherungsmann, Rettungsgeschirr, Selbstretter
Atemschutz < 50 ppmFilter ABEK-P3 (begrenzt)
Atemschutz > 50 ppmUmluftunabhängiger Atemschutz (Pressluftatmer, Schlauchgerät)
TechnischZwangsbelüftung bei Befahrung, gasüberwachte Absperrventile, Ex-Schutz
OrganisatorischNotfallplan, Rettungskette, Unterweisung Sekundentod-Szenario
HygieneKleidungswechsel, Duschen, kein Essen/Trinken im Expositionsbereich

Wichtig: Niemals allein in H₂S-gefährdete Bereiche einsteigen! Immer Sicherungsmann mit Sichtkontakt und Rettungsgeschirr. Bei der Rettung Bewusstloser: Selbstschutz zuerst – umluftunabhängiger Atemschutz anlegen!

Biogasanlagen-Operator mit Atemschutz und Gas-Warngerät bei Wartungsarbeiten an einer Aufbereitungsanlage

8. Berufskrankheit BK 1202

Die BK 1202 „Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff“ umfasst akute und chronische H₂S-bedingte Schäden.

KriteriumAnforderung
ExpositionNachgewiesene berufliche H₂S-Exposition (Arbeitsanamnese, Gasmessungen)
KrankheitsbildToxisches Lungenödem, Riechstörung, ZNS-Schäden, Herz-Kreislauf-Folgen
Akute EreignisseDokumentierte Expositionsspitzen mit Bewusstlosigkeit/Reanimation
ChronischHyposmie, kognitive Defizite, psychovegetatives Syndrom
MeldungVerdachtsanzeige an BG/UV-Träger bei begründetem Verdacht

Keine nachgehende Vorsorge – H₂S ist nicht als krebserregend eingestuft.

9. Häufige Fragen (FAQ)

Warum riecht man H₂S ab 100 ppm nicht mehr?

Ab 100 ppm lähmt H₂S die Riechnerven – die Geruchswahrnehmung fällt komplett aus. Deshalb darf man sich niemals auf den Geruch als Warnung verlassen, sondern muss ein Mehrgas-Warngerät verwenden.

Brauche ich zusätzlich zur Vorsorge eine G26.3-Untersuchung?

Ja, wenn Atemschutzgeräte getragen werden. Die G26.3 ist eine separate Eignungsuntersuchung (Herz-Kreislauf, Lungenfunktion, Klaustrophobie) und kein Bestandteil der ArbMedVV-Vorsorge.

Gibt es ein Biomonitoring für H₂S?

Nein. Die Metaboliten (Thiosulfat, Sulfat) haben eine zu kurze Halbwertszeit. Die Vorsorge stützt sich auf klinische Untersuchungen: EKG, Spirometrie, Riechtest und neurologische Befundung.

Was ist der Sniffin’ Sticks-Test?

Ein standardisierter Geruchstest mit 8 Riechstiften. Er dient als Frühscreening für Hyposmie (verminderte Riechfähigkeit) – ein typisches Zeichen chronischer H₂S-Exposition.

Was ist ein toxisches Lungenödem?

Eine lebensbedrohliche Flüssigkeitsansammlung in den Lungenblasen nach Inhalation hoher H₂S-Konzentrationen. Tückisch: Symptome treten oft erst 1–2 Tage nach der Exposition auf. Deshalb gilt nach jeder akuten Hochexposition ärztliche Überwachung.

Wer darf H₂S-gefährdete Räume befahren?

Nur Beschäftigte mit schriftlicher Befahrerlaubnis, aktueller Vorsorge, G26.3-Eignungsuntersuchung und Unterweisung. Immer mit Sicherungsmann, Rettungsgeschirr und umluftunabhängigem Atemschutz.

Wie oft muss die Nachfolgevorsorge stattfinden?

Alle 12–36 Monate nach AMR 2.1. Bei auffälligen Befunden (Hyposmie, EKG-Veränderungen) verkürzt auf 12 Monate.

Was tun bei akuter H₂S-Exposition?

Sofort Bereich verlassen (Selbstschutz!), Frischluft, Notruf. Bewusstlose nur mit umluftunabhängigem Atemschutz retten. Ärztliche Überwachung mindestens 48 Stunden wegen verzögertem Lungenödem.

10. Checkliste für Arbeitgeber

MaßnahmeVerantwortlich
Gefährdungsbeurteilung mit H₂S-Szenarien erstellenArbeitgeber + FaSi
Mehrgas-Warngeräte für alle Beschäftigten bereitstellenArbeitgeber
Befahrerlaubnis-System einführen (DGUV Regel 103-003)Arbeitgeber + FaSi
Pflicht-/Angebotsvorsorge + G26.3 organisierenArbeitgeber + Betriebsarzt
Atemschutz situationsgerecht (ABEK-P3 oder Pressluftatmer)Arbeitgeber
Notfallplan und Rettungskette dokumentierenArbeitgeber + FaSi
Unterweisung Sekundentod-Szenario jährlichArbeitgeber / Vorgesetzter
Vorsorgekartei lückenlos führenArbeitgeber

H₂S-Vorsorge mit IAAI

Unsere Fachärzte führen die kombinierte H₂S-Vorsorge und G26.3-Eignungsuntersuchung in einem Termin durch – inklusive EKG, Spirometrie, Sniffin’ Sticks-Riechtest und Beratung zum Befahrerlaubnis-System. Bundesweit, digital organisiert über CompDocs.

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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: April 2026.