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Quarzstaub-Vorsorge nach DGUV-Empfehlung E SIS (silikogener Staub)

Dr. Johannes Angerer · 18. September 2024 · Aktualisiert: 12. April 2026 · Lesezeit: 14 Min.

Auf einen Blick: Wer mit silikogenem Staub umgeht — Quarzfeinstaub aus Naturstein, Beton, Klinker, Gießerei-Sanden oder Schamottauskleidungen — fällt unter die arbeitsmedizinische Pflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV (DGUV E SIS). Quarzfeinstaub ist krebserzeugend Kategorie 1A (TRGS 906). Schutzziel: Früherkennung von Silikose, Lungenkrebs (BK 4112), staubbedingter COPD (BK 4111) sowie Tuberkulose-Risikobeobachtung. Nach Ende der Tätigkeit besteht Anspruch auf nachgehende Vorsorge über das DGUV-Portal — wegen Latenzen von 15+ Jahren bis zur Silikose-Manifestation.

Steinmetz mit FFP3-Halbmaske und Schutzbrille beim Nass-Schleifen einer Granitplatte in deutscher Naturstein-Werkstatt mit Wasserbedüsung

1. Was ist die Quarzstaub-Vorsorge?

Die Quarzstaub-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die gegenüber silikogenem Staub exponiert sind. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E SIS geregelt (Fassung Januar 2022) und in die ArbMedVV-Systematik aus Pflicht-, Angebots-, Wunsch- und nachgehender Vorsorge eingebettet. Schutzziel ist die Früherkennung quarzstaubbedingter Erkrankungen — primär die Silikose, staubbedingte COPD/Emphysem sowie Lungenkrebs bei nachgewiesener Silikose.

Silikogener Staub bezeichnet alveolengängigen A-Staub mit kristallinem Siliziumdioxid (SiO₂) — in den Modifikationen Quarz, Cristobalit oder Tridymit. Bereits 1–2 Massen-% Quarzgehalt im A-Staub können eine silikogene Wirkung haben. Der Beurteilungsmaßstab nach TRGS 559 liegt bei 0,05 mg/m³ A-Staub-Quarzanteil (50 µg/m³).

Wirtschaftliche Schwerpunkte: Steinmetz-/Natursteinbetriebe, Bauwirtschaft, Tunnel-/Stollenbau, Eisen-/Stahlgießereien, Keramik-/Glasindustrie, Zahntechnik.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

Die Quarzstaub-Vorsorge ist in der ArbMedVV geregelt — Anhang Teil 1 Nr. 1 in Verbindung mit § 11 GefStoffV für krebserzeugende Stoffe Kategorie 1A/1B. Die DGUV Empfehlung „Silikogener Staub“ (E SIS, Fassung Januar 2022) konkretisiert die fachärztliche Durchführung.

RegelwerkInhalt
ArbMedVV Anh. Teil 1 Nr. 1Pflicht-/Angebotsvorsorge bei Gefahrstoffen
TRGS 559Mineralischer Staub — Schutzpaket Quarz, Beurteilungsmaßstab 50 µg/m³
TRGS 906Quarz/Cristobalit: krebserzeugend Kat. 1A/1B
TRGS 910Risikobezogenes Maßnahmenkonzept für CMR-Stoffe
AMR 11.1CMR-Vorsorge-Abweichungen
BKVBK 4101, 4102, 4111, 4112

Wichtig: Der Beurteilungsmaßstab Quarz (50 µg/m³) ist kein „Abschneidekriterium“ — Vorsorge ist immer zu veranlassen bzw. anzubieten, wenn eine Quarzfeinstaub-Exposition stattfindet. Die TRGS 559 fordert ergänzend ein Substitutionsgebot und eine Hierarchie technischer Maßnahmen vor PSA.

3. Vorsorgeanlässe — wann ist welche Vorsorge fällig?

Die ArbMedVV unterscheidet drei Vorsorgearten plus die für silikogenen Staub besonders kritische nachgehende Vorsorge.

Pflichtvorsorge

Bei Tätigkeiten mit silikogenem Staub, wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann. Praktisch alle regelmäßigen Tätigkeiten in Steinmetzbetrieben, Naturstein-Verarbeitung, Tunnelvortrieb, Sandstrahlen, Eisengießerei, keramische Aufbereitung.

Angebotsvorsorge

Wenn Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und keine Pflichtvorsorge zu veranlassen ist — etwa bei dokumentiert geringer Exposition (geschlossene Systeme, VSK-Verfahren).

Nachgehende Vorsorge — der kritische Punkt

Nach dem Ausscheiden ist nachgehende Vorsorge anzubieten. Wegen der 15+ Jahre Latenz bis zur Silikose-Manifestation ist dies der wichtigste Schutz. Anmeldung über www.dguv-vorsorge.de bei jedem Austritt.

VorsorgeartErstvorsorge1. NachvorsorgeFolgevorsorgen
Pflichtvorsorgevor Aufnahmenach 12 Monatenalle 36–60 Monate
Angebotsvorsorgevor Aufnahme24–36 Monate36–60 Monate
Nachgehende Vorsorgeinnerhalb 12 Mon. nach Ausscheiden36 Monatealle 3 Jahre

Praxis: Häufigster Fehler: Die Anmeldung über dguv-vorsorge.de beim Austritt wird übersehen. Damit verliert der Beschäftigte den Anspruch auf nachgehende Vorsorge — und im BK-Fall fehlt die lückenlose Dokumentation.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

Tätigkeiten mit höherer Exposition

Druckluft-Strahlarbeiten mit trockenen quarzhaltigen Strahlmitteln (höchstes Risiko), Einbringen/Ausbrechen von Schamotte aus Öfen, Brechen/Mahlen/Klassieren quarzhaltiger Materialien, Estrich-/Betonschleifen mit sichtbarer Staubentwicklung, Trockenschneiden, Abbruch ohne Staubniederschlagung, Vortriebsarbeiten unter Tage, Gussputzen in Gießereien.

Krankheitsbilder

SiO₂-Partikel werden im Alveolarbereich von Makrophagen phagozytiert; deren Untergang setzt Partikel frei und perpetuiert die Entzündungsreaktion. Es entstehen knötchenförmige Bindegewebsneubildungen — die klassischen Silikoseknötchen. Klinisch beschwerdefrei oft 15+ Jahre, dann Atemnot, Husten, Auswurf.

BK-Ziffern: BK 4101 (Silikose), BK 4102 (Siliko-Tuberkulose), BK 4111 (COPD/Emphysem Bergleute ≥ 100 Feinstaubjahre), BK 4112 (Lungenkrebs bei nachgewiesener Silikose).

Top-3 Branchen (IAAI-Kundenbasis)

1. Steinmetz-/Naturstein-/Bauwirtschaft: Trockenbearbeitung von Granit, Sandstein, Quarzit. Kombiniert hohe Quarzexposition mit Lärm und Vibration — mehrgleisige Vorsorgeanlässe.

2. Tunnel- und Stollenbau: Vortriebsarbeiten in quarzhaltigem Gestein, Spritzbeton-Auftrag, Bohren ohne Wasserspülung. Historisch der Hochrisiko-Klassiker.

3. Eisen- und Stahl-Gießereien: Entformen/Entkernen von Sandformen, Gussputzen, Brennschneiden sandbehafteter Gussstücke. Mischstaub-Pneumokoniosen sind hier der Regelfall.

Arbeitsmediziner bei Spirometrie-Erstuntersuchung eines Steinmetzes, Patient mit Mundstück und Nasenklemme am Lungenfunktionsgerät

5. Untersuchungsumfang — was passiert bei der Vorsorge?

Beratung

Krebserzeugende Wirkung klar adressieren, Beurteilungsmaßstab 50 µg/m³ erklären, Schutzmaßnahmen-Hierarchie (Substitution → Technik → Organisation → PSA), Atemschutz-Auswahl (FFP3, P3-Vollmaske), Tabakentwöhnung wegen Synergie Tabak+Quarz, Information über nachgehende Vorsorge.

Anamnese

Vorerkrankungen Lunge (COPD, Asthma, Tuberkulose, Sarkoidose), Systemerkrankungen (RA → Caplan-Syndrom), Tabakkonsum detailliert mit Pack-Years, frühere Quarzstaub-Tätigkeiten (kumulative Dosis), Beschwerden.

Funktionsdiagnostik — Spirometrie ist Pflicht

Zentrales Element: Spirometrie nach DGUV-Anhang 1. FVC, FEV1, Tiffeneau-Index, MEF50/25, Fluss-Volumen-Kurve. Bei Auffälligkeiten: Bronchospasmolyse, Ganzkörperplethysmographie, ggf. DLCO.

Bildgebende Verfahren — ILO-codiert

Röntgen-Thorax p.a. nicht generell Pflicht — indiziert typischerweise erst nach 10–15 Jahren Exposition oder bei klinischem Verdacht. Befundung nach ILO-Klassifikation. Bei unklarem Befund: Low-Dose-Volumen-HRCT nach ICOERD-Klassifikation.

Biomonitoring

Entfällt — derzeit keine validierte Methode. Labor nur indikationsbezogen (Quantiferon bei TBC-Verdacht).

Tunnelbauer mit Vollmaske und P3-Filter beim Vortrieb in deutschem Stollen mit Bewässerungssystem und Staubminderungstechnik

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

Die Quarzstaub-Vorsorge ist in der ArbMedVV geregelt — Anhang Teil 1 Nr. 1 in Verbindung mit § 11 GefStoffV für krebserzeugende Stoffe Kategorie 1A/1B. Die DGUV Empfehlung „Silikogener Staub“ (E SIS, Fassung Januar 2022) konkretisiert die fachärztliche Durchführung.

RegelwerkInhalt
ArbMedVV Anh. Teil 1 Nr. 1Pflicht-/Angebotsvorsorge bei Gefahrstoffen
TRGS 559Mineralischer Staub — Schutzpaket Quarz, Beurteilungsmaßstab 50 µg/m³
TRGS 906Quarz/Cristobalit: krebserzeugend Kat. 1A/1B
TRGS 910Risikobezogenes Maßnahmenkonzept für CMR-Stoffe
AMR 11.1CMR-Vorsorge-Abweichungen
BKVBK 4101, 4102, 4111, 4112

Wichtig: Der Beurteilungsmaßstab Quarz (50 µg/m³) ist kein „Abschneidekriterium“ — Vorsorge ist immer zu veranlassen bzw. anzubieten, wenn eine Quarzfeinstaub-Exposition stattfindet. Die TRGS 559 fordert ergänzend ein Substitutionsgebot und eine Hierarchie technischer Maßnahmen vor PSA.

3. Vorsorgeanlässe — wann ist welche Vorsorge fällig?

Die ArbMedVV unterscheidet drei Vorsorgearten plus die für silikogenen Staub besonders kritische nachgehende Vorsorge.

Pflichtvorsorge

Bei Tätigkeiten mit silikogenem Staub, wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann. Praktisch alle regelmäßigen Tätigkeiten in Steinmetzbetrieben, Naturstein-Verarbeitung, Tunnelvortrieb, Sandstrahlen, Eisengießerei, keramische Aufbereitung.

Angebotsvorsorge

Wenn Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und keine Pflichtvorsorge zu veranlassen ist — etwa bei dokumentiert geringer Exposition (geschlossene Systeme, VSK-Verfahren).

Nachgehende Vorsorge — der kritische Punkt

Nach dem Ausscheiden ist nachgehende Vorsorge anzubieten. Wegen der 15+ Jahre Latenz bis zur Silikose-Manifestation ist dies der wichtigste Schutz. Anmeldung über www.dguv-vorsorge.de bei jedem Austritt.

VorsorgeartErstvorsorge1. NachvorsorgeFolgevorsorgen
Pflichtvorsorgevor Aufnahmenach 12 Monatenalle 36–60 Monate
Angebotsvorsorgevor Aufnahme24–36 Monate36–60 Monate
Nachgehende Vorsorgeinnerhalb 12 Mon. nach Ausscheiden36 Monatealle 3 Jahre

Praxis: Häufigster Fehler: Die Anmeldung über dguv-vorsorge.de beim Austritt wird übersehen. Damit verliert der Beschäftigte den Anspruch auf nachgehende Vorsorge — und im BK-Fall fehlt die lückenlose Dokumentation.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

Tätigkeiten mit höherer Exposition

Druckluft-Strahlarbeiten mit trockenen quarzhaltigen Strahlmitteln (höchstes Risiko), Einbringen/Ausbrechen von Schamotte aus Öfen, Brechen/Mahlen/Klassieren quarzhaltiger Materialien, Estrich-/Betonschleifen mit sichtbarer Staubentwicklung, Trockenschneiden, Abbruch ohne Staubniederschlagung, Vortriebsarbeiten unter Tage, Gussputzen in Gießereien.

Krankheitsbilder

SiO₂-Partikel werden im Alveolarbereich von Makrophagen phagozytiert; deren Untergang setzt Partikel frei und perpetuiert die Entzündungsreaktion. Es entstehen knötchenförmige Bindegewebsneubildungen — die klassischen Silikoseknötchen. Klinisch beschwerdefrei oft 15+ Jahre, dann Atemnot, Husten, Auswurf.

BK-Ziffern: BK 4101 (Silikose), BK 4102 (Siliko-Tuberkulose), BK 4111 (COPD/Emphysem Bergleute ≥ 100 Feinstaubjahre), BK 4112 (Lungenkrebs bei nachgewiesener Silikose).

Top-3 Branchen (IAAI-Kundenbasis)

1. Steinmetz-/Naturstein-/Bauwirtschaft: Trockenbearbeitung von Granit, Sandstein, Quarzit. Kombiniert hohe Quarzexposition mit Lärm und Vibration — mehrgleisige Vorsorgeanlässe.

2. Tunnel- und Stollenbau: Vortriebsarbeiten in quarzhaltigem Gestein, Spritzbeton-Auftrag, Bohren ohne Wasserspülung. Historisch der Hochrisiko-Klassiker.

3. Eisen- und Stahl-Gießereien: Entformen/Entkernen von Sandformen, Gussputzen, Brennschneiden sandbehafteter Gussstücke. Mischstaub-Pneumokoniosen sind hier der Regelfall.

5. Untersuchungsumfang — was passiert bei der Vorsorge?

Beratung

Krebserzeugende Wirkung klar adressieren, Beurteilungsmaßstab 50 µg/m³ erklären, Schutzmaßnahmen-Hierarchie (Substitution → Technik → Organisation → PSA), Atemschutz-Auswahl (FFP3, P3-Vollmaske), Tabakentwöhnung wegen Synergie Tabak+Quarz, Information über nachgehende Vorsorge.

Anamnese

Vorerkrankungen Lunge (COPD, Asthma, Tuberkulose, Sarkoidose), Systemerkrankungen (RA → Caplan-Syndrom), Tabakkonsum detailliert mit Pack-Years, frühere Quarzstaub-Tätigkeiten (kumulative Dosis), Beschwerden.

Funktionsdiagnostik — Spirometrie ist Pflicht

Zentrales Element: Spirometrie nach DGUV-Anhang 1. FVC, FEV1, Tiffeneau-Index, MEF50/25, Fluss-Volumen-Kurve. Bei Auffälligkeiten: Bronchospasmolyse, Ganzkörperplethysmographie, ggf. DLCO.

Bildgebende Verfahren — ILO-codiert

Röntgen-Thorax p.a. nicht generell Pflicht — indiziert typischerweise erst nach 10–15 Jahren Exposition oder bei klinischem Verdacht. Befundung nach ILO-Klassifikation. Bei unklarem Befund: Low-Dose-Volumen-HRCT nach ICOERD-Klassifikation.

Biomonitoring

Entfällt — derzeit keine validierte Methode. Labor nur indikationsbezogen (Quantiferon bei TBC-Verdacht).

6. Beurteilung und Bescheinigung

Maßgebliche Befunde: erhebliche Störungen der Lungenfunktion, chronische Bronchitis, COPD, Emphysem, röntgenologisch fassbare Staublungen, fibrotische/granulomätose Veränderungen, Tumoren der Lunge, aktive/inaktive Tuberkulose, Herzinsuffizienz, Brustkorb-Deformitäten mit Atemwirkung.

Beurteilung in vier Stufen (E SIS): keine Maßnahmen → Maßnahmen empfohlen → verkürzte Fristen → Tätigkeitswechsel zu erwägen.

Gemäß AMR 6.3: Vorsorgebescheinigung mit Anlass und nächstem Termin — keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil. ILO-Codierungen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.

Fristen: Folgevorsorgen alle 36–60 Monate (AMR 2.1), bei Auffälligkeiten verkürzt. Nachgehende Vorsorge i.d.R. alle 3 Jahre.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Gefährdungsbeurteilung als Anker. Nach TRGS 559 systematisch nach Tätigkeit, Material, Verfahren und Schutzpaket einstufen.

2. Substitutionsgebot ernst nehmen. Olivin-/Korundsand statt Quarzsand bei Strahlarbeiten; gebundene Schamotte statt loser Stampfmasse.

3. Wasser, Absaugung, Kapselung. Bedüsung an Trennscheiben, Wasserspülung an Bohrhämmern, abgesaugte Maschinen (Klasse M/H). PSA ist letzte Stufe.

4. Anmeldung dguv-vorsorge.de bei jedem Austritt. Pflicht-Workflow im HR: Die IAAI übernimmt diesen Schritt für ihre Kunden.

5. Tabakentwöhnungsangebot. Tabakrauch und Quarzfeinstaub potenzieren das Lungenkrebsrisiko multiplikativ.

6. Vorsorgekartei nach § 3 ArbMedVV lückenlos — Verstöße ordnungswidrig, bis 5.000 € je Fall.

7. Mutterschutz konsequent. Quarzfeinstaub-Exposition Kat. 1A/1B für Schwangere/Stillende grundsätzlich unzulässig.

8. Fristen-Tracker. IAAI-Kunden erhalten automatisierte Fristerinnerungen inkl. DGUV-Vorsorge-Anmelde-Trigger und Spirometrie-Reminder.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

Vor der Vorsorge: Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, TRGS-559-Schutzpaket erfragen, Arbeitsplatzbegehung (Trockenbearbeitung vs. Nassverfahren, Absaughauben).

Eingangsberatung: Krebserzeugende Wirkung klar adressieren — kein „Naturstaub-ist-harmlos“-Mythos. Pack-Years erfragen, Tabakentwöhnung anbieten. Nachgehende Vorsorge erklären.

Untersuchung: Spirometrie nach DGAUM-/Atemwegsliga-Standards (GLI-2012-Referenzwerte). Bei obstruktivem Befund: Bronchospasmolyse, Ganzkörperplethysmographie, DLCO. Röntgen p.a. nicht generell — ILO-Codierung nur durch zertifizierte Befunder.

Beurteilungsfallen: Mischstaub-Pneumokoniosen häufiger als „reine“ Silikose. Tuberkulose-Reaktivierung bei Silikose beachten (Quantiferon). Caplan-Syndrom (Pneumokoniose + RA) abgrenzen. BK 4111 nur Steinkohlenbergbau, BK 4112 nur bei nachgewiesener Silikose.

Dokumentation: Vorsorgekartei vollständig. Bei Austritt: dguv-vorsorge.de-Anmeldung prüfen. Spirometrie-Werte mit Datum, Gerät, Referenz.

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten der Quarzstaub-Vorsorge?

Der Arbeitgeber trägt die Kosten (ArbMedVV). Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert das DGUV-Vorsorge-Portal — finanziert über die Unfallversicherungsträger.

Darf der Beschäftigte die Untersuchung ablehnen?

Ja. Die Eingangsberatung bleibt aber Pflichtbestandteil der Pflichtvorsorge — ohne sie gilt die Vorsorge als nicht stattgefunden.

Was passiert ohne Vorsorge-Angebot?

Ordnungswidrigkeit nach § 11 ArbMedVV — Bußgelder bis 5.000 € je Fall. Im BK-Fall droht Regress des Unfallversicherungsträgers.

Wer darf die Quarzstaub-Vorsorge durchführen?

Fachärzte für Arbeitsmedizin oder Ärzte mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV). ILO-Befundung ist Spezialqualifikation.

Ab wann ist eine Röntgenaufnahme sinnvoll?

Erfahrungsgemäß erst nach 10–15 Jahren Exposition oder bei klinischem Verdacht. Erstuntersuchung allein ist keine Indikation — § 83 StrlSchG.

Was bedeutet 50 µg/m³ Beurteilungsmaßstab?

TRGS 559 setzt 0,05 mg/m³ A-Staub-Quarzanteil. Kein AGW, keine Akzeptanz-/Toleranzkonzentration — Vorsorge ist immer zu veranlassen, wenn Exposition stattfindet.

Welche BK-Ziffern sind quarzbezogen?

Vier: BK 4101 (Silikose), BK 4102 (Siliko-Tuberkulose), BK 4111 (COPD Bergleute Steinkohle), BK 4112 (Lungenkrebs bei Silikose).

Was passiert bei auffälligem ILO-Befund?

ILO ≥ 1/1 oder Schwielen A/B/C lösen die BK-Anzeige aus. Unfallversicherungsträger wird eingeschaltet, pneumologische Begutachtung veranlasst.

Dürfen Schwangere mit Quarzfeinstaub arbeiten?

Nein. Quarzfeinstaub-Exposition Kat. 1A/1B ist für Schwangere und Stillende nach MuSchG grundsätzlich unzulässig.

10. Quellen, Literatur und DGUV-Zitation

Primärquelle: DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlungen, 2. Auflage September 2024, Empfehlung „Silikogener Staub“ (E SIS), Fassung Januar 2022, S. 566–610.

Rechtsgrundlagen: ArbMedVV, GefStoffV, MuSchG, ArbSchG, ASiG, DGUV Vorschrift 2.

Technische Regeln: TRGS 559, 906, 910, 900, 400/401/402, 500/555. AMR 2.1, 6.3, 11.1.

Fachliteratur: DGUV Quarzreport, Falkensteiner Empfehlung, Reichenhaller Empfehlung, ILO-Klassifikation 2011/2022, ICOERD, AWMF S2k-Leitlinie BK 4101, Merkblätter BK 4101/4102/4111/4112.

Über IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Die IAAI Arbeitssicherheit GmbH ist Ihr externer arbeitsmedizinischer und sicherheitstechnischer Dienst — vom Steinmetz-Familienbetrieb über den Tunnelbau-Generalunternehmer bis zur Eisengießerei. Wir betreuen über 80 Branchen mit Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit. Vorsorgekartei digital inkl. DGUV-Vorsorge-Anmelde-Workflow, Spirometrie-Reminder und Fristerinnerungen.

Beratungsgespräch anfragen

Stand: 12. April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Maßgeblich sind die in Abschnitt 10 genannten Quellen.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Maßgebliche Befunde: erhebliche Störungen der Lungenfunktion, chronische Bronchitis, COPD, Emphysem, röntgenologisch fassbare Staublungen, fibrotische/granulomätose Veränderungen, Tumoren der Lunge, aktive/inaktive Tuberkulose, Herzinsuffizienz, Brustkorb-Deformitäten mit Atemwirkung.

Beurteilung in vier Stufen (E SIS): keine Maßnahmen → Maßnahmen empfohlen → verkürzte Fristen → Tätigkeitswechsel zu erwägen.

Gemäß AMR 6.3: Vorsorgebescheinigung mit Anlass und nächstem Termin — keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil. ILO-Codierungen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.

Fristen: Folgevorsorgen alle 36–60 Monate (AMR 2.1), bei Auffälligkeiten verkürzt. Nachgehende Vorsorge i.d.R. alle 3 Jahre.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Gefährdungsbeurteilung als Anker. Nach TRGS 559 systematisch nach Tätigkeit, Material, Verfahren und Schutzpaket einstufen.

2. Substitutionsgebot ernst nehmen. Olivin-/Korundsand statt Quarzsand bei Strahlarbeiten; gebundene Schamotte statt loser Stampfmasse.

3. Wasser, Absaugung, Kapselung. Bedüsung an Trennscheiben, Wasserspülung an Bohrhämmern, abgesaugte Maschinen (Klasse M/H). PSA ist letzte Stufe.

4. Anmeldung dguv-vorsorge.de bei jedem Austritt. Pflicht-Workflow im HR: Die IAAI übernimmt diesen Schritt für ihre Kunden.

5. Tabakentwöhnungsangebot. Tabakrauch und Quarzfeinstaub potenzieren das Lungenkrebsrisiko multiplikativ.

6. Vorsorgekartei nach § 3 ArbMedVV lückenlos — Verstöße ordnungswidrig, bis 5.000 € je Fall.

7. Mutterschutz konsequent. Quarzfeinstaub-Exposition Kat. 1A/1B für Schwangere/Stillende grundsätzlich unzulässig.

8. Fristen-Tracker. IAAI-Kunden erhalten automatisierte Fristerinnerungen inkl. DGUV-Vorsorge-Anmelde-Trigger und Spirometrie-Reminder.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

Vor der Vorsorge: Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, TRGS-559-Schutzpaket erfragen, Arbeitsplatzbegehung (Trockenbearbeitung vs. Nassverfahren, Absaughauben).

Eingangsberatung: Krebserzeugende Wirkung klar adressieren — kein „Naturstaub-ist-harmlos“-Mythos. Pack-Years erfragen, Tabakentwöhnung anbieten. Nachgehende Vorsorge erklären.

Untersuchung: Spirometrie nach DGAUM-/Atemwegsliga-Standards (GLI-2012-Referenzwerte). Bei obstruktivem Befund: Bronchospasmolyse, Ganzkörperplethysmographie, DLCO. Röntgen p.a. nicht generell — ILO-Codierung nur durch zertifizierte Befunder.

Beurteilungsfallen: Mischstaub-Pneumokoniosen häufiger als „reine“ Silikose. Tuberkulose-Reaktivierung bei Silikose beachten (Quantiferon). Caplan-Syndrom (Pneumokoniose + RA) abgrenzen. BK 4111 nur Steinkohlenbergbau, BK 4112 nur bei nachgewiesener Silikose.

Dokumentation: Vorsorgekartei vollständig. Bei Austritt: dguv-vorsorge.de-Anmeldung prüfen. Spirometrie-Werte mit Datum, Gerät, Referenz.

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten der Quarzstaub-Vorsorge?

Der Arbeitgeber trägt die Kosten (ArbMedVV). Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert das DGUV-Vorsorge-Portal — finanziert über die Unfallversicherungsträger.

Darf der Beschäftigte die Untersuchung ablehnen?

Ja. Die Eingangsberatung bleibt aber Pflichtbestandteil der Pflichtvorsorge — ohne sie gilt die Vorsorge als nicht stattgefunden.

Was passiert ohne Vorsorge-Angebot?

Ordnungswidrigkeit nach § 11 ArbMedVV — Bußgelder bis 5.000 € je Fall. Im BK-Fall droht Regress des Unfallversicherungsträgers.

Wer darf die Quarzstaub-Vorsorge durchführen?

Fachärzte für Arbeitsmedizin oder Ärzte mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV). ILO-Befundung ist Spezialqualifikation.

Ab wann ist eine Röntgenaufnahme sinnvoll?

Erfahrungsgemäß erst nach 10–15 Jahren Exposition oder bei klinischem Verdacht. Erstuntersuchung allein ist keine Indikation — § 83 StrlSchG.

Was bedeutet 50 µg/m³ Beurteilungsmaßstab?

TRGS 559 setzt 0,05 mg/m³ A-Staub-Quarzanteil. Kein AGW, keine Akzeptanz-/Toleranzkonzentration — Vorsorge ist immer zu veranlassen, wenn Exposition stattfindet.

Welche BK-Ziffern sind quarzbezogen?

Vier: BK 4101 (Silikose), BK 4102 (Siliko-Tuberkulose), BK 4111 (COPD Bergleute Steinkohle), BK 4112 (Lungenkrebs bei Silikose).

Was passiert bei auffälligem ILO-Befund?

ILO ≥ 1/1 oder Schwielen A/B/C lösen die BK-Anzeige aus. Unfallversicherungsträger wird eingeschaltet, pneumologische Begutachtung veranlasst.

Dürfen Schwangere mit Quarzfeinstaub arbeiten?

Nein. Quarzfeinstaub-Exposition Kat. 1A/1B ist für Schwangere und Stillende nach MuSchG grundsätzlich unzulässig.

10. Quellen, Literatur und DGUV-Zitation

Primärquelle: DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlungen, 2. Auflage September 2024, Empfehlung „Silikogener Staub“ (E SIS), Fassung Januar 2022, S. 566–610.

Rechtsgrundlagen: ArbMedVV, GefStoffV, MuSchG, ArbSchG, ASiG, DGUV Vorschrift 2.

Technische Regeln: TRGS 559, 906, 910, 900, 400/401/402, 500/555. AMR 2.1, 6.3, 11.1.

Fachliteratur: DGUV Quarzreport, Falkensteiner Empfehlung, Reichenhaller Empfehlung, ILO-Klassifikation 2011/2022, ICOERD, AWMF S2k-Leitlinie BK 4101, Merkblätter BK 4101/4102/4111/4112.

Über IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Die IAAI Arbeitssicherheit GmbH ist Ihr externer arbeitsmedizinischer und sicherheitstechnischer Dienst — vom Steinmetz-Familienbetrieb über den Tunnelbau-Generalunternehmer bis zur Eisengießerei. Wir betreuen über 80 Branchen mit Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit. Vorsorgekartei digital inkl. DGUV-Vorsorge-Anmelde-Workflow, Spirometrie-Reminder und Fristerinnerungen.

Beratungsgespräch anfragen

Stand: 12. April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Maßgeblich sind die in Abschnitt 10 genannten Quellen.

CompDocs Lexikon › Gefahrstoffe › Quarzstaub-Vorsorge

Quarzstaub-Vorsorge nach DGUV-Empfehlung E SIS (silikogener Staub)

Dr. Johannes Angerer · 18. September 2024 · Aktualisiert: 12. April 2026 · Lesezeit: 14 Min.

Auf einen Blick: Wer mit silikogenem Staub umgeht — Quarzfeinstaub aus Naturstein, Beton, Klinker, Gießerei-Sanden oder Schamottauskleidungen — fällt unter die arbeitsmedizinische Pflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV (DGUV E SIS). Quarzfeinstaub ist krebserzeugend Kategorie 1A (TRGS 906). Schutzziel: Früherkennung von Silikose, Lungenkrebs (BK 4112), staubbedingter COPD (BK 4111) sowie Tuberkulose-Risikobeobachtung. Nach Ende der Tätigkeit besteht Anspruch auf nachgehende Vorsorge über das DGUV-Portal — wegen Latenzen von 15+ Jahren bis zur Silikose-Manifestation.

1. Was ist die Quarzstaub-Vorsorge?

Die Quarzstaub-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die gegenüber silikogenem Staub exponiert sind. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E SIS geregelt (Fassung Januar 2022) und in die ArbMedVV-Systematik aus Pflicht-, Angebots-, Wunsch- und nachgehender Vorsorge eingebettet. Schutzziel ist die Früherkennung quarzstaubbedingter Erkrankungen — primär die Silikose, staubbedingte COPD/Emphysem sowie Lungenkrebs bei nachgewiesener Silikose.

Silikogener Staub bezeichnet alveolengängigen A-Staub mit kristallinem Siliziumdioxid (SiO₂) — in den Modifikationen Quarz, Cristobalit oder Tridymit. Bereits 1–2 Massen-% Quarzgehalt im A-Staub können eine silikogene Wirkung haben. Der Beurteilungsmaßstab nach TRGS 559 liegt bei 0,05 mg/m³ A-Staub-Quarzanteil (50 µg/m³).

Wirtschaftliche Schwerpunkte: Steinmetz-/Natursteinbetriebe, Bauwirtschaft, Tunnel-/Stollenbau, Eisen-/Stahlgießereien, Keramik-/Glasindustrie, Zahntechnik.