Auf einen Blick: Quecksilber (Hg) ist das einzige bei Raumtemperatur flüssige Metall. Bereits geringe Dampfkonzentrationen können Nervensystem, Nieren und Schleimhäute schädigen. Die arbeitsmedizinische Vorsorge nach DGUV-Empfehlung und ArbMedVV umfasst Biomonitoring im Urin (BAT 25 µg/g Kreatinin), neurologische Funktionsprüfungen und die Schriftprobe als Frühindikator für einen Intentionstremor. Branchen mit erhöhtem Risiko sind Zahnmedizin (Entfernen alter Amalgamfüllungen), Chlor-Alkali-Elektrolyse und Sondermüll-Recycling.
1. Was ist Quecksilber?
Quecksilber (Hg, lat. Hydrargyrum) ist ein silbriges Schwermetall mit dem Schmelzpunkt −38,83 °C. Es verdampft bereits bei Raumtemperatur und bildet unsichtbare, geruchlose Dämpfe, die über die Lunge rasch resorbiert werden. Anorganische Quecksilberverbindungen wie Quecksilber(II)-chlorid (HgCl₂) oder Quecksilberoxid (HgO) sind zusätzlich haut- und schleimhautreizend.
In der Arbeitsmedizin unterscheidet man metallisches Hg°, anorganische Hg-Salze und organische Hg-Verbindungen (z. B. Methylquecksilber). Diese Lexikonseite behandelt ausschließlich metallisches Hg und anorganische Verbindungen.
Der AGW liegt bei 0,02 mg/m³ (E-Fraktion). Der Biologische Arbeitsstoff-Toleranzwert (BAT) beträgt 25 µg Hg/g Kreatinin im Urin. Ab 2024 wurde der BAT von der MAK-Kommission bestätigt.
2. Wo kommt Quecksilber-Exposition vor?
Trotz Rückgang durch das Minamata-Übereinkommen gibt es weiterhin relevante Arbeitsplätze mit Hg-Exposition:
| Branche / Tätigkeit | Expositionsquelle | Typische Belastung |
|---|---|---|
| Zahnmedizin | Entfernen alter Amalgamfüllungen, Abscheider- und Abfallhandhabung (Amalgam-Verwendung seit 2025 grundsätzlich verboten) | 0,005–0,02 mg/m³ |
| Chlor-Alkali-Elektrolyse | Hg-Zellen-Verfahren (Auslaufmodell) | 0,01–0,05 mg/m³ |
| Sondermüll-Recycling | Leuchtstofflampen, Thermometer, Batterien | variabel, Spitzen möglich |
| Laboratorien | Hg-Thermometer, Manometer, Porosimetrie | meist < AGW |
| Mess- und Regeltechnik | Hg-Schalter, Barometer (Altgeräte) | bei Bruch/Leckage erhöht |
| Goldgewinnung (artisanal) | Amalgamierungsverfahren | stark erhöht |
Achtung: Bereits ein zerbrochenes Quecksilber-Thermometer (ca. 1 g Hg) kann in einem geschlossenen Raum den AGW überschreiten. Verschlepptes Hg in Teppichen oder Bodenfugen führt zu chronischer Niedrigdosis-Exposition.
3. Gesundheitsgefahren
Die Toxikologie unterscheidet akute und chronische Quecksilbervergiftung:
Akute Exposition (hohe Dampfkonzentration)
Bei Inhalation hoher Hg-Dampf-Konzentrationen (über 1 mg/m³) drohen Inhalationsfieber, Stomatitis, chemische Pneumonitis und Nierentubulusnekrose. Symptome treten oft zeitverzögert nach 4–24 Stunden auf.
Chronische Exposition – die Erethismus-Trias
Das klassische Bild der chronischen Quecksilbervergiftung umfasst drei Kardinalsymptome:
| System | Symptom | Details |
|---|---|---|
| ZNS (Erethismus) | Psychische Veränderungen | Reizbarkeit, Schüchternheit, Gedächtnisstörungen, Schlaflosigkeit |
| ZNS (Tremor) | Tremor mercurialis (Intentionstremor) | Feinschlägiger Tremor, beginnt an Händen, Schriftprobe pathologisch |
| Mundhöhle | Stomatitis / Gingivitis | Zahnfleischentzündung, vermehrter Speichelfluss (Salivation) |
Eine wichtige weitere Organmanifestation ist die Nephropathie (Proteinurie, tubuläre Schädigung). Weitere Befunde können Gesichtsfeldeinschränkungen und sensible Polyneuropathie sein. Die Symptome sind bei frühzeitiger Expositionskarenz oft teilreversibel.

4. Rechtliche Grundlagen
| Regelwerk | Relevanter Inhalt |
|---|---|
| ArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 1 | Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Quecksilber und anorg. Verbindungen, wenn der AGW nicht eingehalten wird oder wenn eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann (hautresorptiv) |
| ArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 2 Nr. 1 | Angebotsvorsorge bei Tätigkeiten mit Hg unterhalb AGW |
| DGUV Empfehlung | E AHG (ehemals G 9) – Quecksilber und seine anorganischen Verbindungen |
| AMR 2.1 | Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme, zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, danach spätestens alle 36 Monate |
| GefStoffV §§ 6–9 | Substitutionsprüfung (§ 6, § 7 Abs. 3), Schutzmaßnahmen wie geschlossene Systeme und Absaugung (§§ 7–9) |
| TRGS 900 | AGW: 0,02 mg/m³ (E-Fraktion) |
| BK 1102 | Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen |
Hinweis: Seit dem Minamata-Übereinkommen (2017) ist die Verwendung von Quecksilber in vielen Produkten und Prozessen verboten oder eingeschränkt. Seit 01.01.2025 ist die Verwendung von Dentalamalgam in der EU grundsätzlich verboten (VO (EU) 2024/1849), Ausnahmen nur bei strenger medizinischer Indikation. Relevant bleiben vor allem das Entfernen alter Füllungen sowie Abscheider und Abfallhandhabung.
5. Ablauf der Vorsorgeuntersuchung
Erstvorsorge
Die Erstvorsorge erfolgt vor Aufnahme der Tätigkeit und umfasst:
| Untersuchungsschritt | Methode / Inhalt |
|---|---|
| Anamnese | Frühere Hg-Exposition, ZNS-Vorerkrankungen, Nierenerkrankungen, Medikamente (Lithium), Q18-Fragebogen |
| Klinische Untersuchung | Mundschleimhaut (Gingivitis, Salivation), Tremor-Prüfung, Koordinationstest, Sensibilität |
| Schriftprobe | Standardisierter Schreibtest als Ausgangsbefund für späteren Vergleich (Tremor-Frühindikator) |
| Biomonitoring | Hg im Urin (BAT: 25 µg/g Kreatinin), ggf. Hg im Blut |
| Labor | Kreatinin, GFR, Urinstatus, α1-Mikroglobulin bzw. NAG (fakultativ) |
Nachfolgeuntersuchungen
Die zweite Vorsorge erfolgt spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Tätigkeit, danach spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1). Bei hoher Exposition oder Biomonitoring-Werten nahe BAT kann der Arzt kürzere Fristen festlegen. Inhaltlich entspricht sie der Erstvorsorge mit besonderem Fokus auf den Verlauf der Schriftprobe und der Biomonitoring-Werte.
Praxistipp: Die Schriftprobe sollte immer unter denselben Bedingungen durchgeführt werden (gleicher Stift, gleicher Satz, gleiche Tageszeit). Nur so ist ein valider Verlaufsvergleich möglich. Bewahren Sie alle Schriftproben in der Vorsorgeakte auf.
6. Biomonitoring im Detail
| Parameter | Material | BAT / Referenzwert | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Hg im Urin | Spontanurin | BAT: 25 µg/g Kreatinin | Leitparameter für anorganisches Hg; spiegelt kumulative Belastung |
| Hg im Blut | Vollblut | Referenz: < 2 µg/L | Eher akute Belastung; bei Fischkonsum auch organisches Hg erhöht |
| α1-Mikroglobulin bzw. NAG | Urin | Referenzbereich des Labors | Frühmarker für tubuläre Nierenschädigung |
Wichtig: Hg im Urin wird auf Kreatinin normiert. Bei stark verdünntem oder konzentriertem Urin (Kreatinin < 0,3 oder > 3,0 g/L) ist die Probe nicht verwertbar – Wiederholung erforderlich.
Für Hg im Urin gibt es keine Beschränkung des Probenahmezeitpunkts, da Quecksilber eine lange Halbwertszeit hat (DGUV E AHG).
7. Schutzmaßnahmen
| Kategorie | Maßnahme |
|---|---|
| Substitution | Hg-freie Thermometer, digitale Messgeräte, Amalgam-Alternativen (Composite, GIZ) |
| Technisch | Geschlossene Systeme, Absaugung an Entstehungsstelle, Hg-Dampf-Detektoren, glatte Böden |
| Organisatorisch | Zutrittsregelung, Hg-Kataster, Notfall-Kit (Hg-Absorber), Ess-/Trinkverbot, Hautschutzplan |
| Persönlich | Nitrilhandschuhe, Atemschutz (Kombinationsfilter Hg-P3), Schutzbrille |
| Hygiene | Schwarz-Weiß-Trennung, Duschen vor Verlassen, keine Privatkleidung im Hg-Bereich |
Praxistipp: Verschlepptes Quecksilber ist extrem schwer zu entfernen. Verwenden Sie bei Leckagen sofort Hg-Absorber-Pulver (z. B. Mercon-Spray) und keinesfalls einen normalen Staubsauger – dieser verteilt den Dampf im gesamten Raum.

8. Berufskrankheit BK 1102
Die BK 1102 „Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen“ gehört zu den klassischen Berufskrankheiten der Gefahrstoffliste. Voraussetzungen:
| Kriterium | Anforderung |
|---|---|
| Exposition | Nachgewiesene berufliche Hg-Exposition (Arbeitsanamnese, Biomonitoring-Daten, Messungen) |
| Krankheitsbild | Tremor, Erethismus, Nephropathie, Stomatitis oder Kombination |
| Kausalität | Zeitlicher und sachlicher Zusammenhang (Latenz meist Monate bis Jahre) |
| Meldung | Verdachtsanzeige durch Arzt oder Arbeitgeber an BG/UV-Träger |
Die BK 1102 ist meldepflichtig bei begründetem Verdacht. Anders als bei Quecksilber-bedingten Tumoren gibt es keine nachgehende Vorsorge – die Symptome sind bei Expositionskarenz oft rückläufig.
9. Häufige Fragen (FAQ)
Ist die Vorsorge bei Quecksilber Pflicht oder Angebot?
Bei Tätigkeiten mit Hg-Exposition oberhalb des AGW (0,02 mg/m³) ist Pflichtvorsorge vorgeschrieben. Unterhalb des AGW muss der Arbeitgeber Angebotsvorsorge bereitstellen. Bei Wunsch des Beschäftigten besteht zusätzlich Anspruch auf Wunschvorsorge.
Was wird beim Biomonitoring gemessen?
Leitparameter ist Quecksilber im Urin, normiert auf Kreatinin. Der BAT beträgt 25 µg Hg/g Kreatinin. Ergänzend kann Hg im Vollblut bestimmt werden, was eher die akute Belastung widerspiegelt.
Was ist die Schriftprobe und warum ist sie wichtig?
Die Schriftprobe ist ein standardisierter Schreibtest, bei dem der Proband einen vorgegebenen Satz schreibt. Sie dient als Frühindikator für einen Intentionstremor. Der Vergleich über die Zeit macht schleichende Veränderungen sichtbar, bevor sie klinisch offensichtlich werden.
Was ist der Erethismus mercurialis?
Der Erethismus ist ein psychisches Syndrom bei chronischer Hg-Vergiftung: Reizbarkeit, Schüchternheit, Gedächtnisstörungen und emotionale Labilität. Zusammen mit dem Tremor mercurialis und der Stomatitis/Gingivitis bildet er die klassische Trias der chronischen Quecksilbervergiftung.
Wie oft muss die Nachfolgevorsorge stattfinden?
Die AMR 2.1 setzt Höchstfristen: zweite Vorsorge spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Tätigkeit, danach spätestens alle 36 Monate. Bei hoher Exposition, Biomonitoring-Werten nahe BAT oder auffälligen Befunden kann der Arzt kürzere Fristen festlegen.
Gilt die Vorsorge auch für Zahnarztpraxen mit Amalgam?
Ja, soweit eine Hg-Exposition besteht. Seit 01.01.2025 ist Dentalamalgam in der EU grundsätzlich verboten (VO (EU) 2024/1849); Exposition entsteht heute vor allem beim Entfernen alter Füllungen und bei der Abscheider- und Abfallhandhabung. Die Höhe hängt von der Absaugung, der Menge und der Raumgröße ab. In der Regel liegt die Exposition unter dem AGW, sodass Angebotsvorsorge greift.
Was passiert bei BAT-Überschreitung?
Der Betriebsarzt informiert den Arbeitgeber (ohne Diagnose), dass die Schutzmaßnahmen überprüft werden müssen. Der Beschäftigte wird engmaschiger überwacht (Biomonitoring alle 4–6 Wochen) und ggf. vorübergehend umgesetzt.
Kann Quecksilber Krebs verursachen?
Metallisches Quecksilber und anorganische Verbindungen sind von der IARC nicht als krebserregend eingestuft (Gruppe 3). Organisches Methylquecksilber ist als möglicherweise krebserregend eingestuft (Gruppe 2B), wird aber auf dieser Seite nicht behandelt.
Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen gelten bei Hg-Unfall?
Raum sofort verlassen und lüften, Hg-Absorber-Pulver auf verschlepptes Quecksilber streuen, keinen Staubsauger verwenden. Bei Dampfinhalation: Frischluft, ärztliche Überwachung (Symptome können verzögert auftreten). Kontaminierte Kleidung in geschlossenen Beuteln entsorgen.
10. Checkliste für Arbeitgeber
| ✅ | Maßnahme | Verantwortlich |
|---|---|---|
| ☐ | Gefährdungsbeurteilung mit Hg-Exposition erstellen/aktualisieren | Arbeitgeber + Fachkraft für Arbeitssicherheit |
| ☐ | Substitutionsprüfung dokumentieren (Hg-freie Alternativen?) | Arbeitgeber |
| ☐ | Arbeitsplatzmessungen (TRGS 402) veranlassen | Arbeitgeber / Messstelle |
| ☐ | Pflicht- oder Angebotsvorsorge organisieren (je nach AGW) | Arbeitgeber + Betriebsarzt |
| ☐ | Hg-Notfall-Kit bereitstellen (Absorber, Aufnahme-Set) | Arbeitgeber |
| ☐ | Betriebsanweisung nach GefStoffV erstellen | Arbeitgeber |
| ☐ | Unterweisungen jährlich durchführen und dokumentieren | Arbeitgeber / Vorgesetzter |
| ☐ | Schwarz-Weiß-Trennung und Hygieneregeln umsetzen | Arbeitgeber |
| ☐ | Vorsorgekartei führen (Datum, Anlass, nächster Termin) | Arbeitgeber |
Quecksilber-Vorsorge mit CompDocs
Unsere Ärztinnen und Ärzte führen die komplette Hg-Vorsorge durch – inklusive Biomonitoring, Schriftprobe und betriebsmedizinischer Beratung zu Schutzmaßnahmen. Bundesweit, digital organisiert über CompDocs.
Jetzt Beratungstermin vereinbarenHinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: März 2026.
