Lexikon › Gefahrstoffe › Quecksilber

Quecksilber und anorganische Quecksilberverbindungen – Arbeitsmedizinische Vorsorge

Aktualisiert: 22. März 2026 · Lesezeit: ca. 12 Min.

Auf einen Blick: Quecksilber (Hg) ist das einzige bei Raumtemperatur flüssige Metall. Bereits geringe Dampfkonzentrationen können Nervensystem, Nieren und Schleimhäute schädigen. Die arbeitsmedizinische Vorsorge nach DGUV-Empfehlung und ArbMedVV umfasst Biomonitoring im Urin (BAT 25 µg/g Kreatinin), neurologische Funktionsprüfungen und die Schriftprobe als Frühindikator für einen Intentionstremor. Branchen mit erhöhtem Risiko sind Zahnmedizin (Amalgam), Chlor-Alkali-Elektrolyse und Sondermüll-Recycling.

Zahnärztin entfernt Amalgamfüllung unter Absaugung – Quecksilberdampf-Exposition in der Zahnmedizin

1. Was ist Quecksilber?

Quecksilber (Hg, lat. Hydrargyrum) ist ein silbriges Schwermetall mit dem Schmelzpunkt −38,83 °C. Es verdampft bereits bei Raumtemperatur und bildet unsichtbare, geruchlose Dämpfe, die über die Lunge rasch resorbiert werden. Anorganische Quecksilberverbindungen wie Quecksilber(II)-chlorid (HgCl₂) oder Quecksilberoxid (HgO) sind zusätzlich haut- und schleimhautreizend.

In der Arbeitsmedizin unterscheidet man metallisches Hg°, anorganische Hg-Salze und organische Hg-Verbindungen (z. B. Methylquecksilber). Diese Lexikonseite behandelt ausschließlich metallisches Hg und anorganische Verbindungen.

Der AGW liegt bei 0,02 mg/m³ (E-Fraktion). Der Biologische Arbeitsstoff-Toleranzwert (BAT) beträgt 25 µg Hg/g Kreatinin im Urin. Ab 2024 wurde der BAT von der MAK-Kommission bestätigt.

2. Wo kommt Quecksilber-Exposition vor?

Trotz Rückgang durch das Minamata-Übereinkommen gibt es weiterhin relevante Arbeitsplätze mit Hg-Exposition:

Branche / TätigkeitExpositionsquelleTypische Belastung
ZahnmedizinAmalgam-Herstellung, -Legen, -Entfernen0,005–0,02 mg/m³
Chlor-Alkali-ElektrolyseHg-Zellen-Verfahren (Auslaufmodell)0,01–0,05 mg/m³
Sondermüll-RecyclingLeuchtstofflampen, Thermometer, Batterienvariabel, Spitzen möglich
LaboratorienHg-Thermometer, Manometer, Porosimetriemeist < AGW
Mess- und RegeltechnikHg-Schalter, Barometer (Altgeräte)bei Bruch/Leckage erhöht
Goldgewinnung (artisanal)Amalgamierungsverfahrenstark erhöht

Achtung: Bereits ein zerbrochenes Quecksilber-Thermometer (ca. 1 g Hg) kann in einem geschlossenen Raum den AGW überschreiten. Verschlepptes Hg in Teppichen oder Bodenfugen führt zu chronischer Niedrigdosis-Exposition.

3. Gesundheitsgefahren

Die Toxikologie unterscheidet akute und chronische Quecksilbervergiftung:

Akute Exposition (hohe Dampfkonzentration)

Bei Inhalation hoher Hg-Dampf-Konzentrationen (über 1 mg/m³) drohen Metallrauchfieber, Stomatitis, Pneumonitis und Nierentubulusnekrose. Symptome treten oft zeitverzögert nach 4–24 Stunden auf.

Chronische Exposition – die Erethismus-Trias

Das klassische Bild der chronischen Quecksilbervergiftung umfasst drei Kardinalsymptome:

SystemSymptomDetails
ZNS (Erethismus)Psychische VeränderungenReizbarkeit, Schüchternheit, Gedächtnisstörungen, Schlaflosigkeit
Peripheres NSIntentionstremorFeinschlägiger Tremor, beginnt an Händen, Schriftprobe pathologisch
NiereNephropathieProteinurie, erhöhtes β2-Mikroglobulin, tubuläre Schädigung

Weitere Befunde können Gingivitis mit Speichelfluss (Salivation), Gesichtsfeldeinschränkungen und sensible Polyneuropathie sein. Die Symptome sind bei frühzeitiger Expositionskarenz oft teilreversibel.

Schriftprobe zur Tremor-Diagnostik bei Quecksilber-Exposition – Vergleich normales und pathologisches Schriftbild

4. Rechtliche Grundlagen

RegelwerkRelevanter Inhalt
ArbMedVV Anh. 1 Teil 1 (1)Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Quecksilber und anorg. Verbindungen ab AGW-Überschreitung
ArbMedVV Anh. 2 Teil 1Angebotsvorsorge bei Tätigkeiten mit Hg unterhalb AGW
DGUV EmpfehlungEhemals G 9 – Quecksilber und seine anorganischen Verbindungen
AMR 2.1Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme, Nachfolge alle 12–36 Monate
GefStoffV §§16Substitutionsprüfung, geschlossene Systeme, Absaugung
TRGS 900AGW: 0,02 mg/m³ (E-Fraktion)
BK 1102Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen

Hinweis: Seit dem Minamata-Übereinkommen (2017) ist die Verwendung von Quecksilber in vielen Produkten und Prozessen verboten oder eingeschränkt. In der Zahnmedizin gilt seit 2018 ein Amalgam-Verbot für Kinder unter 15 und Schwangere (EU-Quecksilber-VO).

5. Ablauf der Vorsorgeuntersuchung

Erstvorsorge

Die Erstvorsorge erfolgt vor Aufnahme der Tätigkeit und umfasst:

UntersuchungsschrittMethode / Inhalt
AnamneseFrühere Hg-Exposition, ZNS-Vorerkrankungen, Nierenerkrankungen, Medikamente (Lithium), Q18-Fragebogen
Klinische UntersuchungMundschleimhaut (Gingivitis, Salivation), Tremor-Prüfung, Koordinationstest, Sensibilität
SchriftprobeStandardisierter Schreibtest als Ausgangsbefund für späteren Vergleich (Tremor-Frühindikator)
BiomonitoringHg im Urin (BAT: 25 µg/g Kreatinin), ggf. Hg im Blut
LaborKreatinin, GFR, Urinstatus, β2-Mikroglobulin (fakultativ)

Nachfolgeuntersuchungen

Die Nachfolgevorsorge erfolgt nach 12–36 Monaten. Bei hoher Exposition oder Biomonitoring-Werten nahe BAT wird ein 12-Monats-Intervall empfohlen. Inhaltlich entspricht sie der Erstvorsorge mit besonderem Fokus auf den Verlauf der Schriftprobe und der Biomonitoring-Werte.

Praxistipp: Die Schriftprobe sollte immer unter denselben Bedingungen durchgeführt werden (gleicher Stift, gleicher Satz, gleiche Tageszeit). Nur so ist ein valider Verlaufsvergleich möglich. Bewahren Sie alle Schriftproben in der Vorsorgeakte auf.

6. Biomonitoring im Detail

ParameterMaterialBAT / ReferenzwertBedeutung
Hg im UrinSpontanurinBAT: 25 µg/g KreatininLeitparameter für anorganisches Hg; spiegelt kumulative Belastung
Hg im BlutVollblutReferenz: < 2 µg/LEher akute Belastung; bei Fischkonsum auch organisches Hg erhöht
β2-MikroglobulinUrin< 300 µg/LFrühmarker für tubuläre Nierenschädigung

Wichtig: Hg im Urin wird auf Kreatinin normiert. Bei stark verdünntem oder konzentriertem Urin (Kreatinin < 0,3 oder > 3,0 g/L) ist die Probe nicht verwertbar – Wiederholung erforderlich.

Die Probenahme erfolgt am Schichtende nach mehreren aufeinanderfolgenden Expositionstagen. Morgenurin oder Spontanurin vor Schichtbeginn kann die Belastung unterschätzen.

7. Schutzmaßnahmen

KategorieMaßnahme
SubstitutionHg-freie Thermometer, digitale Messgeräte, Amalgam-Alternativen (Composite, GIZ)
TechnischGeschlossene Systeme, Absaugung an Entstehungsstelle, Hg-Dampf-Detektoren, glatte Böden
OrganisatorischZutrittsregelung, Hg-Kataster, Notfall-Kit (Hg-Absorber), Ess-/Trinkverbot, Hautschutzplan
PersönlichNitrilhandschuhe, Atemschutz (Partikelfilter P2 + Hg-Filter), Schutzbrille
HygieneSchwarz-Weiß-Trennung, Duschen vor Verlassen, keine Privatkleidung im Hg-Bereich

Praxistipp: Verschlepptes Quecksilber ist extrem schwer zu entfernen. Verwenden Sie bei Leckagen sofort Hg-Absorber-Pulver (z. B. Mercon-Spray) und keinesfalls einen normalen Staubsauger – dieser verteilt den Dampf im gesamten Raum.

Fachkraft beim Recycling von Leuchtstofflampen mit Schutzausrüstung – Quecksilber-Exposition im Sondermüll-Recycling

8. Berufskrankheit BK 1102

Die BK 1102 „Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen“ gehört zu den klassischen Berufskrankheiten der Gefahrstoffliste. Voraussetzungen:

KriteriumAnforderung
ExpositionNachgewiesene berufliche Hg-Exposition (Arbeitsanamnese, Biomonitoring-Daten, Messungen)
KrankheitsbildTremor, Erethismus, Nephropathie, Stomatitis oder Kombination
KausalitätZeitlicher und sachlicher Zusammenhang (Latenz meist Monate bis Jahre)
MeldungVerdachtsanzeige durch Arzt oder Arbeitgeber an BG/UV-Träger

Die BK 1102 ist meldepflichtig bei begründetem Verdacht. Anders als bei Quecksilber-bedingten Tumoren gibt es keine nachgehende Vorsorge – die Symptome sind bei Expositionskarenz oft rückläufig.

9. Häufige Fragen (FAQ)

Ist die Vorsorge bei Quecksilber Pflicht oder Angebot?

Bei Tätigkeiten mit Hg-Exposition oberhalb des AGW (0,02 mg/m³) ist Pflichtvorsorge vorgeschrieben. Unterhalb des AGW muss der Arbeitgeber Angebotsvorsorge bereitstellen. Bei Wunsch des Beschäftigten besteht zusätzlich Anspruch auf Wunschvorsorge.

Was wird beim Biomonitoring gemessen?

Leitparameter ist Quecksilber im Urin, normiert auf Kreatinin. Der BAT beträgt 25 µg Hg/g Kreatinin. Ergänzend kann Hg im Vollblut bestimmt werden, was eher die akute Belastung widerspiegelt.

Was ist die Schriftprobe und warum ist sie wichtig?

Die Schriftprobe ist ein standardisierter Schreibtest, bei dem der Proband einen vorgegebenen Satz schreibt. Sie dient als Frühindikator für einen Intentionstremor. Der Vergleich über die Zeit macht schleichende Veränderungen sichtbar, bevor sie klinisch offensichtlich werden.

Was ist der Erethismus mercurialis?

Der Erethismus ist ein psychisches Syndrom bei chronischer Hg-Vergiftung: Reizbarkeit, Schüchternheit, Gedächtnisstörungen und emotionale Labilität. Zusammen mit Tremor und Nephropathie bildet er die klassische Erethismus-Trias.

Wie oft muss die Nachfolgevorsorge stattfinden?

Die AMR 2.1 empfiehlt 12–36 Monate. Bei hoher Exposition, Biomonitoring-Werten nahe BAT oder auffälligen Befunden sollte das kürzere Intervall (12 Monate) gewählt werden.

Gilt die Vorsorge auch für Zahnarztpraxen mit Amalgam?

Ja. Solange Amalgam verarbeitet, gelegt oder entfernt wird, besteht Hg-Exposition. Die Höhe hängt von der Absaugung, der Menge und der Raumgröße ab. In der Regel liegt die Exposition unter dem AGW, sodass Angebotsvorsorge greift.

Was passiert bei BAT-Überschreitung?

Der Betriebsärzt informiert den Arbeitgeber (ohne Diagnose), dass die Schutzmaßnahmen überprüft werden müssen. Der Beschäftigte wird engmaschiger überwacht (Biomonitoring alle 4–6 Wochen) und ggf. vorübergehend umgesetzt.

Kann Quecksilber Krebs verursachen?

Metallisches Quecksilber und anorganische Verbindungen sind von der IARC nicht als krebserregend eingestuft (Gruppe 3). Organisches Methylquecksilber ist als möglicherweise krebserregend eingestuft (Gruppe 2B), wird aber auf dieser Seite nicht behandelt.

Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen gelten bei Hg-Unfall?

Raum sofort verlassen und lüften, Hg-Absorber-Pulver auf verschlepptes Quecksilber streuen, keinen Staubsauger verwenden. Bei Dampfinhalation: Frischluft, ärztliche Überwachung (Symptome können verzögert auftreten). Kontaminierte Kleidung in geschlossenen Beuteln entsorgen.

10. Checkliste für Arbeitgeber

MaßnahmeVerantwortlich
Gefährdungsbeurteilung mit Hg-Exposition erstellen/aktualisierenArbeitgeber + Fachkraft für Arbeitssicherheit
Substitutionsprüfung dokumentieren (Hg-freie Alternativen?)Arbeitgeber
Arbeitsplatzmessungen (TRGS 402) veranlassenArbeitgeber / Messstelle
Pflicht- oder Angebotsvorsorge organisieren (je nach AGW)Arbeitgeber + Betriebsarzt
Hg-Notfall-Kit bereitstellen (Absorber, Aufnahme-Set)Arbeitgeber
Betriebsanweisung nach GefStoffV erstellenArbeitgeber
Unterweisungen jährlich durchführen und dokumentierenArbeitgeber / Vorgesetzter
Schwarz-Weiß-Trennung und Hygieneregeln umsetzenArbeitgeber
Vorsorgekartei führen (Datum, Anlass, nächster Termin)Arbeitgeber

Quecksilber-Vorsorge mit IAAI

Unsere Fachärzte für Arbeitsmedizin führen die komplette Hg-Vorsorge durch – inklusive Biomonitoring, Schriftprobe und betriebsmedizinischer Beratung zu Schutzmaßnahmen. Bundesweit, digital organisiert über CompDocs.

Jetzt Beratungstermin vereinbaren

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: März 2026.