Auf einen Blick: Kohlenstoffdisulfid (CS₂) ist ein potentes Neuro- und Vasotoxin. Chronische Exposition verursacht Polyneuropathie, beschleunigte Atherosklerose mit erhöhter koronarer Mortalität und Hepatotoxizität. Die Vorsorge nach DGUV-Empfehlung E CS2 umfasst neurologische Diagnostik (128-Hz-Stimmgabel, Reflexstatus), Ergometrie und TTCA-Biomonitoring (BGW 4 mg/g Kreatinin). Hauptbranchen: Viskose-/Cellulose-Produktion, Gummiindustrie (Vulkanisation) und Chemie-Synthese. Berufskrankheit: BK 1305.

Kohlenstoffdisulfid (CS₂, CAS 75-15-0, Synonym Schwefelkohlenstoff) ist eine farblose bis gelbliche, leicht entzündbare Flüssigkeit mit charakteristischem Geruch nach Rettich. CS₂ verdunstet bereits bei Normaltemperatur stark; die Dämpfe sind schwerer als Luft und sammeln sich in Bodennähe.
CS₂ wird sowohl inhalativ als auch dermal aufgenommen – die Substanz ist ausgeprägt hautresorptiv. In der Leber wird CS₂ über Cytochrom P450 zu Carbonylsulfid und reaktivem atomarem Schwefel metabolisiert. Der AGW nach TRGS 900 liegt bei 30 mg/m³ (10 ppm).
Die arbeitsmedizinische Vorsorge zielt auf Früherkennung CS₂-assoziierter Erkrankungen: distal betonte sensomotorische Polyneuropathien, Enzephalopathie, kardiovaskuläre Folgen einer beschleunigten Atherosklerose sowie Leber- und Nierenschäden.
| Regelwerk | Relevanter Inhalt |
|---|---|
| ArbMedVV Anh. 1 Teil 1 (1) | Pflichtvorsorge bei AGW-Überschreitung oder dermaler Gefährdung |
| ArbMedVV Anh. 2 Teil 1 | Angebotsvorsorge bei Exposition unterhalb AGW ohne Hautgefahr |
| DGUV Empfehlung E CS2 | Fachärztliche Durchführung, Fassung Januar 2022 |
| TRGS 900 | AGW: 30 mg/m³ (10 ppm) |
| TRGS 903 | BGW: TTCA 4 mg/g Kreatinin (Höchstwert) |
| GefStoffV §§16 | Substitutionsprüfung, geschlossene Systeme |
| MuSchG | CS₂ kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen / Kind schädigen |
| BK 1305 | Erkrankungen durch Schwefelkohlenstoff |
| AMR 2.1 | Fristen: Erst vor Aufnahme, Nachfolge 12–36 Monate |
Achtung Ototoxizität: Werden CS₂-Tätigkeiten in Lärmbereichen ausgeübt, sind die ototoxischen Eigenschaften bei der Gehörvorsorge mitzubewerten. Kombinationswirkungen aus Lärm und CS₂ erhöhen das Risiko einer Innenohrschädigung erheblich.
| Branche | Expositionsquelle | Typische Belastung |
|---|---|---|
| Viskose-/Cellulose-Produktion | Spinnerei, Xanthogenat-Anlagen, Spinnbadwechsel | Hoch, Spitzen bei Wartung |
| Gummiindustrie / Vulkanisation | Mischsaal, Heizpressen, Extraktionen | Mittel bis hoch |
| Chemie-Synthese | CS₂ als Edukt für Beschleuniger, Xanthogenate | Geschlossene Systeme, Spitzen bei Wartung |
| Extraktionsanlagen | Fett-, Öl-, Harz-Extraktion | Variabel |
| Altlastensanierung | Ehemalige Viskose-/Gummiwerke | Spitzen bei Öffnung |
Praxistipp: Häufiger Fehler: Beschäftigte mit „nur gelegentlicher“ CS₂-Exposition (Schichtwechsel, Probenahme) werden aus der Vorsorge herausgehalten. Maßgeblich ist die Gefährdungsbeurteilung mit Spitzenwerten, nicht der Schichtmittelwert.

CS₂ wirkt narkotisch: Erregungszustand, Schlaflosigkeit, psychische Störungen – bei hoher Dosis Bewusstlosigkeit bis zum tödlichen Ausgang.
| System | Wirkung | Details |
|---|---|---|
| Peripheres NS | Polyneuropathie | Distal betonte Sensibilitätsstörungen, abgeschwächte Achillessehnenreflexe, axonale Degeneration |
| ZNS | Enzephalopathie | Konzentrationsverlust, Gedächtnisschwäche, emotionale Labilität, in schweren Fällen Psychosen |
| Gefäßsystem | Beschleunigte Atherosklerose | Erhöhte koronare Mortalität, pAVK, zerebrovaskuläre Ereignisse |
| Leber | Hepatotoxizität | Erhöhung von γ-GT, ALT, AST |
| Auge | Retinopathie | Erworbene Farbsehstörungen, Mikroangiopathie am Fundus |
| Reproduktion | Reproduktionstoxizität | Kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen, Kind im Mutterleib schädigen |
Wichtig: CS₂-Polyneuropathie beginnt schleichend mit distalen Parästhesien und Reflexabschwächung. Frühzeichen sind mit der 128-Hz-Stimmgabel und dem Achillessehnenreflex erkennbar – bevor subjektive Beschwerden auftreten.
| Untersuchungsschritt | Methode / Inhalt |
|---|---|
| Beratung | Polyneuropathie-, Enzephalopathie- und Atherosklerose-Risiko; Hautresorption; MuSchG-Information; PSA-Beratung (PVA/Viton-Handschuhe, AX-Filter) |
| Anamnese | Arbeitsanamnese mit Spitzenexpositionen, Vorerkrankungen (Diabetes, Alkohol, B12-Mangel als Confounder) |
| Neurologie | Reflexstatus (Achillessehnenreflex seitenvergleichend), 128-Hz-Stimmgabel, Sensibilitätsprüfung, Romberg/Unterberger |
| Kardiovaskulär | Ergometrie, Blutdruck beidseits, Pulspalpation A. dorsalis pedis + A. tibialis posterior |
| Biomonitoring | TTCA im Urin (BGW: 4 mg/g Kreatinin), Probenahme Schichtende, 24-h-Diätanamnese (Kohlgemüse!) |
| Labor | Urinstatus, γ-GT, ALT, AST, Cholesterin, Triglyceride, kl. Blutbild |
Alle 12–36 Monate (AMR 2.1). Zusätzlich: Augenhintergrund-Spiegelung (CS₂-Mikroangiopathie), bei Auffälligkeiten ENG/EMG und fachpsychiatrische Beurteilung. Lanthony-D-15-Test bei V.a. erworbene Farbsehstörung.
Hinweis: TTCA wird auch durch rohes Kohlgemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl) erhöht. Eine 24-h-Diätanamnese vor der Probe ist Pflicht. Bei nachgewiesenem Kohlverzehr: Wiederholungsprobe nach Karenz.
Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen:
| Stufe | Bedeutung | Maßnahme |
|---|---|---|
| 1 | Keine Erkenntnisse, die Maßnahmen erfordern | Tätigkeit fortsetzbar |
| 2 | Maßnahmen empfohlen | Substitution, technische/organisatorische Schutzmaßnahmen, PSA |
| 3 | Verkürzte Fristen empfohlen | Engmaschigere Kontrolle, erweitertes Biomonitoring |
| 4 | Tätigkeitswechsel zu erwägen | Wenn Maßnahmen aus Stufe 2+3 nicht ausreichen |
Die Vorsorgebescheinigung enthält gemäß AMR 6.3 nur Anlass und nächsten Termin – keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil.
| Kategorie | Maßnahme |
|---|---|
| Substitution | Lyocell-Verfahren (NMMO statt CS₂) in der Cellulosefaser-Branche; CS₂-freie Alternativen prüfen |
| Technisch | Geschlossene Systeme, redundante Lüftung, Bodenabsaugung (Dämpfe schwerer als Luft) |
| Organisatorisch | Spitzenexpositions-Szenarien in Gefährdungsbeurteilung modellieren, Zutrittsregelung, Ess-/Trinkverbot |
| PSA Haut | PVA- oder Viton/FKM-Handschuhe (Nitril ungeeignet!), Sicherheitsdatenblatt + WINGIS beachten |
| PSA Atem | Filter Typ AX (niedrigsiedende org. Verbindungen) – A1/A2-Filter sind für CS₂ unzureichend |
Wichtig: Standard-Nitrilhandschuhe versagen bei CS₂ schnell. Nur PVA, Viton/FKM oder Mehrschicht-Laminate gemäß Sicherheitsdatenblatt verwenden. Atemschutzfilter Typ AX statt A1/A2!

Die BK 1305 „Erkrankungen durch Schwefelkohlenstoff“ umfasst Polyneuropathie, Enzephalopathie sowie kardiovaskuläre und parenchymatöse Manifestationen (Leber, Niere).
| Kriterium | Anforderung |
|---|---|
| Exposition | Nachgewiesene berufliche CS₂-Exposition (Arbeitsanamnese, TTCA-Werte, Messungen) |
| Krankheitsbild | Polyneuropathie, Enzephalopathie, KHK/pAVK, Hepatotoxizität |
| Differenzialdiagnose | BK 1305 vs. BK 1317 (Lösungsmittel-Gemische) bei Mehrfachexposition |
| Confounder | Diabetes, Alkohol, B12-Mangel, Rauchen, Hypertonie ausschließen |
| Meldung | Verdachtsanzeige an BG/UV-Träger bei begründetem Verdacht |
Der Arbeitgeber trägt alle Kosten, einschließlich TTCA-Biomonitoring. Die Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.
TTCA (2-Thio-thiazolidin-4-carbonsäure) ist das Kondensationsprodukt aus CS₂ und Cystein. Sie wird proportional zur CS₂-Belastung im Urin ausgeschieden. Der biologische Grenzwert liegt bei 4 mg/g Kreatinin (Höchstwert), Probenahme zum Schichtende.
Glucosinolate aus rohem Kohlgemüse (Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl) erhöhen die TTCA-Ausscheidung unspezifisch. Deshalb ist eine 24-h-Diätanamnese vor der Probe Pflicht – bei Kohlverzehr Wiederholung nach Karenz.
Frühzeichen: diskrete distale Parästhesien, abgeschwächter Achillessehnenreflex und reduziertes Vibrationsempfinden (128-Hz-Stimmgabel). Bei auffälligen Befunden: fachneurologische Untersuchung mit ENG/EMG.
In der Regel nein. CS₂ kann Fruchtbarkeit beeinträchtigen und das Kind schädigen. Nach MuSchG ist die Tätigkeit zu unterlassen oder die Mitarbeiterin umzusetzen.
CS₂ durchdringt Nitril rasch. Geeignet sind PVA-, Viton/FKM- oder Mehrschicht-Laminate gemäß Sicherheitsdatenblatt und WINGIS-Datenbank.
CS₂ schädigt das Innenohr direkt und verstärkt Lärmschäden. Bei Lärmexposition über 80 dB(A) muss die Gehörvorsorge die CS₂-Ototoxizität berücksichtigen.
BK 1305 (CS₂) vs. BK 1317 (Lösungsmittel-Gemische) bei Mehrfachexposition. Außerdem: Diabetes, Alkohol, B12-Mangel als Polyneuropathie-Confounder systematisch ausschließen.
Anonymisierte Mitteilung an den Arbeitgeber nach AMR 6.4, dass Schutzmaßnahmen überprüft werden müssen. Engmaschigeres Biomonitoring und ggf. Umsetzung des Beschäftigten.
Ja – das Lyocell-Verfahren (NMMO statt CS₂) ist der etablierte Substitutionspfad in der Cellulosefaser-Branche und sollte technisch geprüft werden.
| ✅ | Maßnahme | Verantwortlich |
|---|---|---|
| ☐ | Gefährdungsbeurteilung mit CS₂-Spitzenexpositions-Szenarien erstellen | Arbeitgeber + FaSi |
| ☐ | Substitutionsprüfung dokumentieren (Lyocell-Verfahren?) | Arbeitgeber |
| ☐ | Arbeitsplatzmessungen nach TRGS 402 veranlassen | Arbeitgeber / Messstelle |
| ☐ | Pflicht- oder Angebotsvorsorge organisieren | Arbeitgeber + Betriebsarzt |
| ☐ | Hautschutzplan mit PVA/Viton-Handschuhen erstellen | Arbeitgeber + FaSi |
| ☐ | Atemschutz Typ AX bereitstellen (nicht A1/A2!) | Arbeitgeber |
| ☐ | Gehörvorsorge bei Lärm+CS₂ verschränken | Betriebsarzt |
| ☐ | Mutterschutz-Gefährdungsbeurteilung vorab durchführen | Arbeitgeber |
| ☐ | Vorsorgekartei lückenlos führen (§ 3 ArbMedVV) | Arbeitgeber |
Unsere Fachärzte für Arbeitsmedizin führen die komplette CS₂-Vorsorge durch – inklusive neurologisch-kardiovaskulärer Diagnostik, TTCA-Biomonitoring mit Diätanamnese und verschränkter Lärm-/Ototoxizitäts-Bewertung. Bundesweit, digital organisiert über CompDocs.
Jetzt Beratungstermin vereinbarenHinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: März 2026.