Auf einen Blick: Wer mit Vinylchlorid (Chlorethen, C₂H₃Cl, CAS 75-01-4) arbeitet — bei der Herstellung, der PVC-Polymerisation, der Heißverarbeitung von PVC oder bei Tank- und Kesselwagenreinigung — unterliegt der arbeitsmedizinischen Pflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV. Vinylchlorid ist als krebserzeugend Kategorie 1A eingestuft. Schlüsselerkrankung ist das Hämangioendothelsarkom (Leberangiosarkom), klassisch mit Akroosteolyse, Raynaud-Syndrom und sklerodermieähnlichen Hautveränderungen als „VC-Krankheit“. Nach Ende der Tätigkeit besteht Anspruch auf nachgehende Vorsorge über das DGUV-Vorsorge-Portal.

Die Vinylchlorid-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die bei ihrer Tätigkeit gegenüber Vinylchlorid (VC) exponiert sein können. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk unter dem Kürzel E VNC geregelt (Fassung Januar 2022, Grenzwerte aktualisiert 2024, S. 738–755) und in die ArbMedVV-Systematik aus Pflicht-, Angebots-, Wunsch- und nachgehender Vorsorge eingebettet.
Vinylchlorid (VC, Chlorethen, Chlorethylen, C₂H₃Cl, CAS 75-01-4) liegt bei Raumtemperatur als farbloses, leicht entzündliches Gas mit schwach süßlichem Geruch vor. Wichtigste industrielle Eigenschaft: Polymerisation zu Polyvinylchlorid (PVC) — Grundlage einer Multi-Milliarden-Euro-Industrie.
VC ist gemäß CLP-Verordnung als krebserzeugend Kategorie 1A eingestuft. Mit der EU-Krebsrichtlinie RL (EU) 2017/2398 wurde ein verbindlicher Arbeitsplatzgrenzwert (Binding Limit Value) von 1 ppm (2,6 mg/m³) eingeführt und in deutsches Recht über die TRGS 900 übernommen.
| Parameter | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| AGW (TRGS 900) | 1 ppm (2,6 mg/m³) | EU-BLV 2017/2398, TRGS 900 |
| Maximaler Überschreitungsfaktor | 8 (4×15 min/Schicht) | TRGS 900 |
| Einstufung | Karzinogen Kat. 1A | CLP-VO (EG) 1272/2008 |
| Biomonitoring (TDGA) | BAR 1,5 mg/L Urin | TRGS 903 |
| BK-Nummer | BK 1302 | BKV |
Die Vinylchlorid-Vorsorge ist in der ArbMedVV geregelt — konkret in Anhang Teil 1 Nr. 1 (Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Gefahrstoffen) sowie in Verbindung mit § 11 GefStoffV für krebserzeugende Stoffe der Kategorie 1A/1B. Die DGUV Empfehlung E VNC konkretisiert die fachärztliche Durchführung.
Die ArbMedVV unterscheidet bei Vinylchlorid vier Vorsorgearten — mit besonderer Bedeutung der nachgehenden Vorsorge:
Zu veranlassen bei Tätigkeiten mit Exposition gegenüber Vinylchlorid, wenn der AGW (1 ppm) nicht eingehalten wird oder eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann.
Anzubieten bei Tätigkeiten mit Vinylchlorid, wenn eine Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und keine Pflichtvorsorge zu veranlassen ist.
Nach dem Ausscheiden aus der Tätigkeit ist nachgehende Vorsorge anzubieten. Wegen Latenzzeiten von 15–25 Jahren bis zur Manifestation eines Hämangioendothelsarkoms ist dies der wichtigste Schutz. Anmeldung über das Portal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de).
| Vorsorgeart | Erstvorsorge | Erste Nachvorsorge | Folgevorsorgen |
|---|---|---|---|
| Pflichtvorsorge | Vor Aufnahme der Tätigkeit | Nach 12 Monaten | Alle 24–36 Monate |
| Angebotsvorsorge | Vor Aufnahme | 12–24 Monate | 24–36 Monate |
| Nachgehende Vorsorge | Innerhalb 12 Mon. nach Ausscheiden | 36 Monate | Alle 3 Jahre |
Die VC-Exposition konzentriert sich auf drei Hauptbereiche der chemischen Industrie und Logistik:
| Branche | Typische Tätigkeiten | Kritische Expositionsmomente |
|---|---|---|
| VC- und PVC-Produktion / Polymerisation | Verfahrensmechaniker, Operatoren, Anlagenfahrer | Schichtwechsel, Probenahme, Wartung an Pumpen/Verdichtern, Filtertausch |
| PVC-Weiterverarbeitung / Heißverarbeitung | Extruder-Operator, Spritzgießer, Folienherstellung | Anfahrtemperaturen, Düsenwechsel, Maschinenspülungen, Überhitzung |
| Tank-/Kesselwagenreinigung, Lösungsmittel-Logistik | Befahren von Tankwagen, Probenahme, Pumpenwartung | Befahren nur unter umluftunabhängigem Atemschutz mit Sicherungsleine |
Vinylchlorid und seine Metaboliten wirken vor allem auf die Leber (krebserzeugende Effekte), das Blut, die Haut, das Gefäßsystem und das Knochensystem. Die krebserzeugende Wirkung wird auf eine DNA-Alkylierung reaktiver Metaboliten zurückgeführt.

Die Vinylchlorid-Vorsorge umfasst eine gestufte Diagnostik mit Schwerpunkt auf Leberdiagnostik und Biomonitoring.
Krebserzeugende Wirkung (Kat. 1A) klar adressieren, persönliche Hygiene am Arbeitsplatz, kein Essen/Trinken/Rauchen am Arbeitsplatz, Information über nachgehende Vorsorge. Beschäftigungsbeschränkungen für Jugendliche und werdende/stillende Mütter.
| Untersuchung | Erstvorsorge | Nachuntersuchung |
|---|---|---|
| Urinstatus | ✓ | ✓ |
| Großes Blutbild mit Thrombozyten | ✓ | ✓ |
| Leberenzyme (SGOT, SGPT, γ-GT) | ✓ | ✓ |
| Alkalische Phosphatase | ✓ | ✓ |
| TDGA im Urin (Leerwert) | ✓ | — |
| TDGA im Urin (Biomonitoring) | — | ✓ |
| Oberbauchsonographie (Leber) | Bei Indikation | ✓ |

Die DGUV-Empfehlung gliedert die Beurteilung in vier Stufen:
| Stufe | Beurteilung | Konsequenz |
|---|---|---|
| 1 | Keine Erkenntnisse, die Maßnahmen erfordern | Tätigkeit fortsetzbar |
| 2 | Maßnahmen empfohlen | Substitution, technische/organisatorische Schutzmaßnahmen, PSA |
| 3 | Verkürzte Fristen empfohlen | Engere Verlaufsbeobachtung mit Sonographie |
| 4 | Tätigkeitswechsel erwägen | Wenn Maßnahmen aus Stufe 2/3 keine Aussicht auf Erfolg |
Gemäß AMR 6.3 erhalten versicherte Person und Arbeitgeber eine Vorsorgebescheinigung mit Anlass und nächstem Vorsorgetermin — keine Diagnose, keine Befunde, kein Eignungsurteil.
Vorsorge nach ArbMedVV trägt der Arbeitgeber. Sie darf während der Arbeitszeit stattfinden. Die nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert das DGUV-Vorsorge-Portal — finanziert über die zuständigen Unfallversicherungsträger.
Ja. Die Untersuchung darf nicht gegen den Willen erfolgen. Die Eingangsberatung ist jedoch Pflichtbestandteil der Pflichtvorsorge und muss wahrgenommen werden.
Eine klassische berufsbedingte Erkrankung mit Akroosteolyse der Fingerendphalangen, Raynaud-Syndrom, sklerodermieartigen Hautveränderungen und Leberschäden bis zum Hämangioendothelsarkom. Tritt nur bei sehr hoher VC-Exposition auf — heute aufgrund moderner Schutztechnik selten geworden.
Thiodiglykolsäure (TDGA) im Urin — vor nachfolgender Schicht (BAR 1,5 mg/L) oder bei Langzeitexposition am Schichtende nach mehreren vorangegangenen Schichten (EKA). Bei Mischexposition mit 1,2-Dichlorethan kritisch zu interpretieren.
Das Hämangioendothelsarkom der Leber hat eine Latenzzeit von 15–25 Jahren. Ohne nachgehende Vorsorge nach dem Ausscheiden aus der Tätigkeit fehlt die ärztliche Überwachung in der kritischsten Phase. Die Anmeldung über www.dguv-vorsorge.de beim Austritt ist daher essenziell.
Nein. VC ist krebserzeugend Kategorie 1A — Tätigkeiten mit Schwangeren und Stillenden sind nach MuSchG grundsätzlich unzulässig. Auch Jugendliche unterliegen Beschäftigungsbeschränkungen nach JArbSchG.
Als spezialisierter arbeitsmedizinischer Dienst führen wir die komplette Vinylchlorid-Vorsorge durch — inklusive TDGA-Biomonitoring, Oberbauchsonographie, nachgehender Vorsorge und DGUV-Vorsorge-Anmeldung. Sprechen Sie uns an.
Jetzt Beratung anfragenDieser Artikel dient der fachlichen Information und ersetzt keine individuelle arbeitsmedizinische Beratung. Stand: März 2026.