Auf einen Blick: Die Hitzearbeiten-Vorsorge (DGUV E HTZ, früher G 30) ist Pflichtvorsorge nach ArbMedVV-Anhang Teil 3 Abs. 1 Nr. 1, konkretisiert durch die AMR 13.1, bei Tätigkeiten mit extremer Hitzebelastung wie Stahlwerk, Glashütte, Gießerei oder Heißreparaturen. Ohne Hitzeadaption, Entwärmungsphasen und ärztliche Beratung drohen Hitzschlag, Kreislaufkollaps und langfristig Grauer Star (BK 2401).
„Diese arbeitsmedizinische Empfehlung gibt Anhaltspunkte für die Durchführung der arbeitsmedizinischen Vorsorge, um Erkrankungen, die durch Hitzearbeiten entstehen können, zu verhindern oder frühzeitig zu erkennen.“
— DGUV Empfehlung „Hitzearbeiten“ (E HTZ), Fassung Januar 2022, S. 838 ff.
1. Was ist die Hitzearbeiten-Vorsorge?
Die Hitzearbeiten-Vorsorge (DGUV E HTZ, früher G 30) ist Pflichtvorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte mit regelmäßiger extremer Hitzebelastung. Schutzziel: Früherkennung von Vorerkrankungen, die zu Hitzschlag, Kreislaufkollaps oder Hitzekrämpfen führen können — und Sicherstellung ausreichender Hitzeadaption.
Hitzearbeit ist die Kombination aus hoher Lufttemperatur, starker Wärmestrahlung, schwerer körperlicher Arbeit und/oder isolierender Bekleidung. Den Pflichtvorsorge-Anlass nach ArbMedVV-Anhang („extreme Hitzebelastung, die zu einer besonderen Gefährdung führen kann“) konkretisiert die AMR 13.1 mit Arbeitsverfahren wie Pfannenarbeit, Flämmen, Arbeiten mit glühenden Werkstücken über 100 kg oder Heißreparaturen an Glaswannen.
Die Beurteilung erfolgt über die Normal-Effektivtemperatur (NET) nach Yaglou und die effektive Bestrahlungsstärke (Eeff) in Kombination mit der Arbeitsschwere.
2. Rechtsgrundlage und Stand 11.05.2026
Geregelt in der ArbMedVV Anhang Teil 3 (Physikalische Einwirkungen). Maßgeblich ist die AMR 13.1. Klimatische Mindestanforderungen regelt die ArbStättV (Anhang 3.5).
- ArbMedVV — Anhang Teil 3 Abs. 1 Nr. 1 (Pflicht)
- AMR 13.1 — Tätigkeiten mit extremer Hitzebelastung
- ArbStättV / ASR A3.5 — Raumtemperatur, Maßnahmenplan ab 26/30/35 °C
- BKV — BK 2401 „Grauer Star durch Wärmestrahlung“
- ArbSchG, ASiG, DGUV V1, DGUV V2
Wichtig: Hitzearbeiten ohne vorherige Pflichtvorsorge sind arbeitsrechtlich unzulässig. Verstöße werden als Ordnungswidrigkeit mit bis zu 5.000 € je Fall geahndet.
3. Vorsorgeanlässe — wann ist welche Vorsorge fällig?
3.1 Pflichtvorsorge nach AMR 13.1
Pfannenarbeit im Stahlwerk, Flämmen warmer Brammen, Schweißarbeiten an vorgewarmten Werkstücken (> 0,5 t, > 80 °C), Befahren nicht abgekühlter Behälter/Öfen, Arbeiten auf Ofendecken, Schmiede > 100 kg, Heißreparaturen an Glaswannen/Keramiköfen, Feuerwehreinsätze am Brandherd.
3.2 Fristen
| Vorsorgeart | Erst | Erste Nach | Folge |
|---|---|---|---|
| Pflicht | vor Aufnahme | spätestens nach 12 Mon. | spätestens alle 36 Mon. |
| Bei Auffälligkeiten | — | 6–12 Mon. | individuell |
Praxistipp: Hitzeadaption geht nach 3–4 Wochen ohne Hitzearbeit verloren. Nach Urlaub oder Krankheit: erneute Akklimatisation über mindestens 2 Wochen mit reduzierten Arbeitszeiten.
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Gießerei / Stahlwerk
Schmelzbetriebe, Pfannenarbeiten, Abstich, Reparaturen an Öfen und Pfannen. NET-Werte > 36 °C bei mittelschwerer Arbeit. Pflichtvorsorge für Schmelzer, Pfannenführer, Anschläger, Wartungspersonal.
4.2 Bäckerei / Backwarenproduktion
Industriebäckereien mit Etagen-/Tunnelöfen sind warme Arbeitsplätze. AMR 13.1 und DGUV E HTZ nennen Bäckereien jedoch nicht als Bereich mit extremer Hitzebelastung — eine Pflichtvorsorge besteht hier nicht pauschal, sondern nur, wenn die Gefährdungsbeurteilung im Einzelfall eine extreme Hitzebelastung mit besonderer Gefährdung ergibt.
4.3 Glas- und Keramikindustrie
Heißreparaturen an Glaswannen und anderen Thermoprozessanlagen sowie Wartungsarbeiten an noch nicht abgekühlten Anlagen (z. B. Tunnelöfen in der Brennerzone) nennt die AMR 13.1 als Tätigkeiten mit extremer Hitzebelastung. Glasbläserei, Hohlglasfertigung (IS-Maschine) und Öfen in der keramischen Industrie führen nach Messungen der Unfallversicherungsträger dagegen im Allgemeinen zu geringer oder keiner Belastung.
4.4 Berufsgruppen
Schmelzer, Gießer, Schmiede an glühenden Werkstücken über 100 kg, Schweißer an großen vorgewärmten Werkstücken, Ofenmaurer und Instandhalter bei Heißreparaturen, Feuerwehrleute im Einsatz am Brandherd, Wartungsmechaniker an nicht abgekühlten Anlagen. Maßgeblich ist immer die konkrete Tätigkeit, nicht die Berufsbezeichnung.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung
Gefährdungen durch Hitze/IR-Strahlung, Akklimatisation, Entwärmungsphasen, PSA (Kühlweste), ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
5.2 Anamnese
Herz-Kreislauf (Hypertonie, KHK, Rhythmusstörungen), ZNS (Anfallsleiden), Medikamente (Diuretika, Betablocker, Anticholinergika), Flüssigkeitsaufnahme, Akklimatisationsstand.
5.3 Klinische Untersuchung
- Urinstatus, kleines Blutbild, Leber-/Nierenwerte, Blutzucker
- Blutdruck- und Pulsmessung
- EKG in Ruhe und bei Belastung (Ergometrie nach DGUV-Leitfaden)
- Röntgen-Thorax nur bei spezieller Indikation
5.4 Klimabeurteilung
Normal-Effektivtemperatur (NET) und effektive Bestrahlungsstärke (Eeff) in Kombination mit Arbeitsschwere (4 Stufen nach Energieumsatz: leicht ~100 W bis sehr schwer > 300 W).
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier Beurteilungsstufen. Relevante Krankheitsgruppen: Herz-Kreislauf (KHK, Hypertonie, Rhythmusstörungen), Lunge (COPD, Emphysem), ZNS (Anfallsleiden), Stoffwechsel (Diabetes, Adipositas), Augen (Katarakt bei Wärmestrahlung).
Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3: Anlass + nächster Termin, ohne Befund.
BK 2401 — Grauer Star durch Wärmestrahlung
Bei langjähriger Wärmestrahlungsexposition und Katarakt-Befund: BK-Anzeige nach § 202 SGB VII.
Akute Hitzeerkrankungen
- Hitzeerschöpfung: Schwäche, Kopfschmerz, Übelkeit — Schatten, Flüssigkeit
- Kreislaufkollaps: kurze Bewusstlosigkeit — Schocklage
- Hitzekrämpfe: Muskelkrämpfe durch Salzverlust — Elektrolytausgleich
- Hitzschlag: Kerntemperatur > 40 °C, Bewusstseinsstörung — Notfall! Sofortige Kühlung + Notarzt
7. Praxistipps für Unternehmen
- GBU mit Klimamessung: DIN EN ISO 7726 — Lufttemperatur, Feuchttemperatur, Luftgeschwindigkeit, Strahlungstemperatur.
- Hitzeadaption: Erste Woche 50 % Aufenthaltszeit, Steigerung über 2 Wochen. Nach 3–4 Wochen Pause: erneuter Aufbau.
- Entwärmungsphasen: Klimatisierte Bereiche< 25 °C, Kühlduschen, Pausen nach NET-Wert.
- PSA und Getränke: Kühlwesten, Getränke frei zugänglich bereitstellen.
- CompDocs: Erstvorsorgen vor erstem Arbeitstag inkl. Belastungs-EKG und Akklimatisationsplan via digitale Vorsorgekartei.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
Aktuelle GBU mit NET-/Eeff-Daten anfordern. Vorabklärung kardiov. Risiken (Framingham-Score). Belastungs-EKG strikt nach DGUV-Leitfaden Ergometrie. Bei Adipositas (BMI > 30) ergänzende Risikobewertung, bei Z. n. Infarkt Rücksprache Kardiologie.
- Saisonale Beschäftigte ohne Hitzeadaption: verkürzte Erstvorsorge-Intervalle
- Langzeitexposition Wärmestrahlung: Augenstatus für BK 2401 erfassen
- Akklimatisationsplan in Vorsorgekartei aufnehmen
Praxisanker: Digitale Vorsorgekartei mit NET-/Eeff-Tabellen, integriertem Belastungs-EKG-Protokoll und automatisiertem Akklimatisationsplan-Generator.
9. Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG). Die Vorsorge soll während der Arbeitszeit stattfinden (§ 3 Abs. 3 ArbMedVV).
Ab welcher Temperatur ist Vorsorge Pflicht?
Kein einzelner Schwellenwert. Maßgeblich ist AMR 13.1 mit namentlich benannten Tätigkeiten. Klimakritisch: NET > 30–34 °C bei mittelschwerer Arbeit.
Was ist Hitzeadaption?
Physiologische Anpassung über 2–4 Wochen: erhöhte Schweißrate, niedrigerer Salzgehalt, mehr Flüssigkeitsaufnahme. Geht nach 3–4 Wochen ohne Hitzearbeit verloren.
Welche Untersuchungen sind vorgesehen?
Pflicht ist nur das Beratungsgespräch mit Anamnese. Als mögliche Untersuchungen nennt die DGUV-Empfehlung Urinstatus, Blutbild, Leber-/Nierenwerte, Blutzucker, Blutdruck sowie EKG in Ruhe und bei Belastung (Ergometrie). Ob sie erforderlich sind, entscheidet der Arzt; Untersuchungen können abgelehnt werden.
Kann ich die Vorsorge ablehnen?
Die Untersuchung darf nicht gegen Ihren Willen erfolgen — die Beratung ersetzt sie dann. Ohne Pflichtvorsorge-Termin ist die Tätigkeit jedoch unzulässig.
Was bei festgestellter Herzerkrankung?
Zusätzliche Schutzmaßnahmen oder verkürzte Intervalle. Bei manifester KHK ggf. Tätigkeitswechsel — Mitteilung an Arbeitgeber nur mit Einwilligung.
10. Quellen und Literatur
Primärquelle: DGUV Empfehlungen, 2. Auflage Sept. 2024, „Hitzearbeiten“ (E HTZ), Fassung Jan. 2022, S. 838–859.
Rechtsgrundlagen: ArbMedVV (Anhang Teil 3), AMR 13.1, ArbStättV, ASR A3.5, ArbSchG, ASiG, DGUV V1/V2, BKV (BK 2401).
Normen: DIN EN ISO 7726, DIN EN ISO 8996, DIN SPEC 33428.
Über CompDocs
CompDocs organisiert Hitzearbeiten-Vorsorgen inkl. Belastungs-EKG, Klima-Konsil und individuellem Akklimatisationsplan — digital über unsere CompDocs-Plattform mit NET-/Eeff-Tabellen und automatisierten Fristerinnerungen.
Beratungsgespräch anfragenLeistungsübersichtZurück zum LexikonStand: 22. April 2026 · CompDocs · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.